Leila – zur Ehe gezwungen
März 13, 2007 at 8:49 | In Frauen im Islam, Gesellschaft, Publikationen, Skandale, Without Clash | 6 Comments·
Heute möchte ich das Buch – Leila, Marie-Therese Cuny, Theresia Übelhör, 2005, Weltbild Buchverlag 2005 – vorstellen. In dieser Biographie beschreibt eine junge islamische Französin ihre Zwangsehe mit einem älteren Mann. Erst, als sich die junge Frau an ernsthaften psychischen Problemen leidet, erkennen ihre Eltern den Fehler und unterstützen sie darin, ein selbstständiges Leben zu führen.
Die Eltern, Mitglieder einer angesehenen marokkanischen Familie, lebten schon jahrzehntelang in Frankreich. Das Kernproblem bestand eigentlich darin, dass im Elternhaus zu viele Kinder vorhanden waren. Leila durfte zwar zur Schule gehen, wurde aber zu Hause zugunsten der zahlreichen Brüder so mit Hausarbeit überhäuft, dass sie in den oberen Klassen scheiterte. Deshalb konnte sie auch nicht Sekretärin werden, wie sie es ursprünglich gerne wollte. Ihr Vater hätte diesen Berufswunsch akzeptiert und war über ihr Schulversagen enttäuscht.
In der engen Wohnung, in der sie nicht einmal ein eigenes Zimmer hatte, kam es sogar zu Übergriffen seitens ihrer Brüder. Es war ein Glück für sie, dass sie durch die islamische Regelung, bis zur Ehe Jungfrau zu bleiben, wenigstens bis zu einem gewissen Grad geschützt war. Als sie einmal vor Verzweiflung von zu Hause weglief, kam das junge Mädchen vom Regen in die Traufe. Verzweifelt verbarrikadierte sie sich in der Wohnung ihrer lebenslustigen Freundin vor deren „Freunden“ in der Toilette und fuhr so schnell wie möglich wieder nach Hause.
Gerne hätte sie soviel Freiheiten genossen wie andere Mädchen in Frankreich und lebte in ständigem Konflikt mit ihren Eltern, besonders mit ihrem Vater. Der Mann, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten, war ein „Muttersöhnchen“, das sie von Anfang an verabscheute, die Mutter des Mannes entpuppte sich als wahrer Drache, den herbeigerufenen „Imam“ als Scharlatan. Aus der Klemme half ihr der moslemische Hausarzt, der erkannte, dass sie die psychische Belastung aus ihrer Ehe nicht mehr lange durchhielt und eine Scheidung unterstützte.
Leila schildert Zwangsheirat in ihrem Milieu in Frankreich als sehr verbreiteten Missstand, und zwar als einen, welcher fast weniger mit dem Glauben, sondern auch in hohem Ausmaß mit dem Interesse heiratswütiger Kandidaten aus Marokko verknüpft ist, durch eine Heirat günstig an die begehrte Staatsbürgerschaft heranzukommen.
Leila möchte mit ihrem Buch den Gedanken unterstützen, dass europäische Regierungen islamischen Frauen bei der Durchsetzung ihrer Rechte helfen und auch den Schleier so weit wie möglich verbieten, damit fundamentalistische Traditionen überwunden werden.
Zu den Strategien der islamischen Clans bei der Machterweiterung gehört auch durchdachte Heiratspolitik. Osama Bin Laden, selbst Sohn einer vielköpfigen und mächtigen Familie, versuchte einmal, eine seiner Töchter an den Führer der Taliban, an Mullah Omar zu verheiraten, um dort Einfluss zu gewinnen. Er festigte auch seine Beziehungen zum Sudan (mittlerweile dort schon längst wieder ausgewiesen) durch eine Heirat mit der Nichte von dem sudanesischen Islamistenführer Hassan al-Turabi und hat inzwischen angeblich mehr als zwanzig Kinder.
Diese Vorgangsweise sollte man vielleicht nicht unterschätzen. Die österreichische Kaiserin Maria Theresia konnte doch nach dem Motto „Tu felix Austria nube“ durch durchdachte Heiratspolitik Macht und Einfluss der Habsburger beträchtlich vergrößern. Vielleicht sollte man die Einwanderung von eingeheirateten Moslems genauer überprüfen als bisher. Doch dies nur nebenbei.
Es ist bekannt, dass der Islam eine Männergesellschaft darstellt. Doch dadurch, dass die Stellung der Mutter eines Sohnes sehr hoch eingeschätzt wird, bemerkte ich bei näherer Hinsicht, dass auch die Option besteht, dass manche Clans in gewisser Weise wiederum fast ein Matriarchat darstellen können. Alte Menschen genießen im Islam ein sehr hohes Ansehen.
Die Schwiegermütter nehmen sich sehr oft heraus, auf den jungen Frauen herumzuhacken bzw. ihre Ansichten beeinflussen sehr stark die ihrer Söhne. Frauen, die freiwillig einheiraten, sollten sich also unbedingt auch die Mühe geben, die Familie des Mannes ganz genau kennen zu lernen (siehe auch Posting). Um in der islamischen Gesellschaft – z.B. bei uns in Europa – etwas zu verändern, müsste also auch „Seniorenarbeit“ bei den „Oms“ geleistet werden.
In Marokko selbst wurden inzwischen durch den Monarchen Mohammed VI schon erhebliche Gesetzesänderungen zu Gunsten der Frau erreicht (29.1.2004, Quantera). Solche Verbesserungen der Frauenrechte im islamischen Bereich sind nicht so abwegig. Es ist nach dem Koran sogar erwünscht, einem Mädchen Bildung zu ermöglichen, eine Frau nach „ihrem Herzen“ zu verheiraten und gut zu behandeln, obwohl zugegeben werden muss, dass nicht nur gesetzlich (Scharia), sondern erst recht im islamischen Alltag, die Frau rechtlich wesentlich schlechter gestellt ist als der Mann.
Solche Fortschritte in einem islamischen Land sollten doch immer wieder gewürdigt und anerkannt werden, auch wenn gemessen an unseren Vorstellungen noch Defizite vorhanden sind. Außerdem müssten Neuregelungen in islamischen Ländern sofort zur Verschärfung von Maßnahmen in europäischen genutzt werden, um Zwangsehen vermehrt zu unterbinden.
Mich persönlich hat an diesen „Schleier“-Romanen immer wieder fasziniert, dass diese beim Lesen gleich ein ganzes Bündel an Ursachen für Missstände schildern. Um diese abzubauen, müsste die Öffentlichkeit darauf dringen, Neuregelungen und Verbesserungen in verschiedenen Bereichen zu schaffen, anstatt daran zu glauben, dass Kriege in Middle East die Welt verbessern könnten.
Was soll es bewirken, den Islam zu diffamieren? Die Chancen, dass sich die islamischen Länder dem Westen annähern, stehen doch in einem Klima der Wertschätzung viel besser, als wenn sämtliche Sünden des Propheten Mohammeds zuzüglich aller, die Moslems auf der ganzen Welt während der letzten 1300 Jahre begangen haben, hervorgeholt werden und als Grundlage für polemische Hassparolen dienen. Alle „warmonger“ sollten unter anderem bedenken, dass Aggressionen gegenüber islamischen Ländern die antiwestliche Argumentation islamischer Hardliner unterstützt und die Arbeit jener einflussreichen Moslems, die versuchen, Brücken zu den westlichen Demokratien zu schlagen, erschweren anstatt zu erleichtern.
Bilder: Leila – zur Ehe gezwungen, Fahne von Marokko, König Mohammed VI
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