„Chain of Command“

Januar 4, 2007 um 10:06 pm | Veröffentlicht in Gesellschaft, Middle East, World War IV | Hinterlasse einen Kommentar

Um es vorwegzunehmen – ich finde, jeder, der den Umstand, dass auch in diesem, im dritten Jahrtausend gefoltert wird, ohne Proteste hinnimmt, sollte im Sinne des zweiten Gebotes der Hl. Römisch Katholischen Kirche „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ dazu angeregt werden, dass er sich selbst mit den von ihm vorgeschlagenen Mitteln zunächst selbst foltern lässt und sich erst danach entscheidet, ob er sich ernsthaft für diese umstrittene Methode, aus Gefangenen Informationen herauszuholen, einsetzt.

Noch aus alten, kriegerischen Zeiten stammen die Schlösser des Mittelalters, die in vielen Gegenden mit ihren Türmen und Zinnen unsere Landschaft verschönern. Betritt man solch ein Schloss, so befindet sich, geht man enge und gewundene Treppen in den Keller hinunter, darin gewiss ein kleiner, dunkler Raum, die Folterkammer.

Dort wurden nicht nur jene gefoltert, gegen die ernsthafte Anklage wegen schwerer Verbrechen erhoben wurde, sondern in der Schreckenszeit der „Hexenverbrennung“ auch sehr viele unschuldige Menschen, aus denen mit Hilfe extrem grausamer Methoden Geständnisse über Verbrechen, die sie gar nicht begangen hatten, ja, sogar, selbst, hätten sie es gewollt, nicht einmal hätten begehen können, regelrecht „herausgepresst“ wurden.

Traurige Aktualität erhielt dieses Thema durch die bekannten Folterskandale in Abu Ghraib. Recherchierte man jedoch ein wenig über dessen düstere Mauern hinaus, fand sich eine weitere Ungeheuerlichkeit, und zwar die Folterungen in Uzbekistan unter dessen Präsidenten Islam Kamirow, einem „Alliierten“ im Kampf gegen den Terrorismus.

Ein junger, britischer Botschafter, Craig Murray, meldete diese Vorfälle sofort seinen Vorgesetzten in London. Er erhielt dafür jedoch weder das erwartete Lob für seine Aufmerksamkeit, noch gelang es ihm, gegen die vorgefundenen Missstände Einspruch zu erheben.

Craig Murray verlor seinen Posten, versuchte aber so gut wie möglich, in Interviews und Leserbriefen das Ergebnis seiner Beobachtungen an die Presse weiterzugeben. Er schrieb auch ein Buch, und zwar Murder in Samarkand: A British Ambassador’s Controversial Defiance of a Tyrannical Regime Within the War on Terror, Mainstream Publishing; New Edition, 2007.

So bewundernswert sein Verhalten auch sein mochte, reichte es nicht aus, um die Öffentlichkeit dahingehend aufzurütteln, dass diese den Rücktritt der zuständigen Politiker, Tony Blair und G.W.B. verlangt hätte. Im Buchhandel erschien im Oktober dieses Jahres (2006) ein weiteres Buch zu zum Thema Folterungen im Zusammenhang mit GWOT: Stephen Grey, Ghost Plane: The True Story of the CIA Torture Program, St. Martin´s Press, 2006.

Regelrechten Aufruhr dagegen erzeugte die Veröffentlichung des bekannten Enthüllungsjournalisten Seymour Hersh, der in seinem Buch Die Befehlskette. Vom 11. September bis Abu Ghraib, Seymour Hersh, Rohwolt, Reinbek, 2004, nachweisen konnte, dass es sich bei den Übergriffen im iraktischen Skandalgefängnis keinesfalls nur um Einzelfälle, bzw. sadistische Einzeltäter handelte, sondern dass sehr wohl eine Befehlskette sehr wohl von untergeordneten Aufsehen in Abu Ghraib bis hinauf in allerhöchste Kreise der US-Regierung existierte.

Insgesamt kann man also ausgehen, dass genug hieb- und stichfestes Material vorhanden ist, als dass es zum Nachweis abscheulicher Skandale zu Lasten der US-Regierung und Großbritanniens (plus verbündeter Länder in Krisengebieten) ausreicht.

Sieht man ganz genau hin, zeigt sich diese Situation gar nicht so neu wie auf ersten Blick vermutet. Hinweisen möchte ich hier auf eine Rede, die Senator John Kerry 1971 vor dem „Senate Foreign Relations Comitee“ hielt:

„They told stories at times they had personally raped, cut off ears, cut off heads, taped wires from portable telephones to human genitals and turned up the power, cut off limbs, blown up bodies, randomly shot at civilians, razed villages in fashion reminiscent of Genghis Khan, shot cattle and dogs for fun, poisoned food stocks and generally ravaged the countryside of South Vietnam in addition to the normal ravage of war, and the normal and particular ravaging which is done by the applied bombing power of this country.“

Und weiter:

„…. that they were the army of Genghis Khan, committing war crimes on a daily basis, with their atrocities completely approved up and down the chain of command….“

Eine provozierende Frage: Wo befindet sich eigentlich der Ursprung für dies Gedankengut im modernen militärischen Bereich, dass Folterung womöglich unschuldiger Menschen die Interessen eines Staates fördern könnte? Auf einer Internetseite fand ich den grauenerregenden Verdacht, es handle sich dabei um ein Relikt der NS-Zeit. Geschürt wurde diese Vermutung dadurch, dass nach dem zweiten Weltkrieg nachweislich Kriegsverbrecher in anderen Staaten, auch in den USA in militärischen Kreisen weiterverwendet wurden (Amerika und der Holocaust, Eva Schweitzer, Knaur 2004, Blowback: America´s Recruitment of Nazis and Its Effects on the Cold War, Christopher Simpson, Grove Pr., 1988).

Wenn es stimmt, was Senator John Kerry über seine eigene Regierung, über die US-Army im Vietnamkrieg sagte, was einige andere Autoren über den Verbleib von NS-Kriegsverbrechern schreiben, dann endet die „Chain of Command“ nicht nur im Weißen Haus, sondern begann in den grausamen Gefangenen- und Vernichtungslagern der Nationalsozialisten.

Sollte es G.W.B. entgangen sein, dass in der Geschichte Folterungen in erster Linie zur Erpressung vorgefertigter Geständnisse verwendet wurde? Dies fällt schwer zu glauben, denn G.W. Bush kann einen akademischen Abschluss an der Yale Universität in Geschichte vorweisen Sollte er wirklich einfach übersehen haben, dass Craig Murray unter anderem davon berichtete, erzwungene Geständnisse seien dazu benutzt worden, um den „falschen Anschein einer Verbindung zwischen usbekischen Oppositionellen und terroristischen Vereinigungen“ zu erwecken? Auf diesem Hintergrund erhalten die Folterskandale nochmals eine sehr unheimliche und bedrohliche Faccette.

All´ jene, die den Science-Fiction-Thriller 1984 von George Orwell gelesen haben, erinnern sich, dass am Ende des Buches nicht der Körper, sondern der Geist, die Seele von Winston Smith zerbrochen wurde. Auch in diesem Zusammenhang erhalten auf ersten Blick lediglich abartige Exzesse im Zusammenhang mit Folterungen die Dimension eines wahren Abgrundes, der sich in unseren westlichen Ländern auftut.

Bilder: Schloss Moosham, Folterkammer

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