Götterdämmerung

Januar 9, 2007 um 5:14 pm | Veröffentlicht in Gesellschaft, Skandale, Waffen, World War IV | Hinterlasse einen Kommentar

Die europäischen Eroberer brachten die Pocken nach Amerika mit, wo sie unter den Ureinwohnern (Indianer) verheerende Epidemien auslösten, die Millionen von Toten forderten. In Nordamerika wurden die Pocken auch als Waffe eingesetzt, indem der britische Befehlshaber eines von Indianern besetzten Forts, ein Oberst Henry Bouquet, zwei Häuptlingen als Zeichen seiner Anerkennung pockeninfizierte Decken schenkte. Dies führte unter den völlig ungeschützten Indianern zu einer schweren Pockenepidemie mit vielen Toten. Die Europäer dagegen waren durch zahlreiche frühere Pockenepidemien stark durchseucht und daher relativ wenig gefährdet.

Bild: Sitting Bull


Den von der UNO-Abrüstungskonferenz erarbeiteten Vertragsentwurf für ein internationales Überwachungsregime mit gegenseitigen Kontrollen und Inspektionen von Forschungslabors und biomedizinischen Anlagen hatten die USA bereits im Juli abgelehnt. Zu Beginn der Genfer Konferenz am 19. November hatte US-Unterstaatssekretär John Bolton – laut Frankfurter Rundschau ein „Rüstungseiferer“ (FR, 10.12.2001) – diese Ablehnung bekräftigt. Gleichzeitig vergiftete er die Atmosphäre, indem er Irak, Iran, Libyen, Nordkores, Sudan und Syrien vorwarf, die B-Waffen-Konvention gebrochen und sich an offensiven Biowaffenprogrammen beteiligt zu haben. Bolton wiederholte am Schlusstag der Konferenz diese Beschuldigungen und verlangte, dass sie in die Schlusserklärung aufgenommen werden sollten. Dem mochte sich aber kein anderer Staat anschließen. Immerhin konnte darauf hingewiesen werden, dass der Vertrag ein Untersuchungsverfahren vorsieht, falls ein Mitglied ein anderes des Vertragsbruchs verdächtigt und anklagt – eine Möglichkeit, von der die USA bisher noch nie Gebrauch gemacht haben.

Nach einem Bericht der New York Times führen US-Geheimdienste seit einigen Jahren sehr fragwürdige Forschungsprojekte an biologischen Waffen durch. So habe der militärische Geheimdienst der USA begonnen, Milzbrandbakterien gentechnisch so zu verändern, dass sie von Impfungen und Früherkennungssystemen nicht mehr erfasst werden. Bereits seit 1997 sei die CIA damit befasst, Bomben zur Verbreitung von Biowaffen zu konstruieren sowie eine Biowaffen-Fabrik in der Wüste Nevadas aufzubauen. Nach Angaben von Regierungsoffiziellen sollten damit Entwicklungen der ehemaligen Sowjetunion nachgebildet werden, um deren Gefährdungspotential – rein defensiv – zu untersuchen.

Wissenschaftler der New Yorker Carnegie-Stiftung wie auch die auf Kontrollfragen spezialisierte Nichtregierungsorganisation VERTIC regen ebenfalls ein eigenständiges Verifikationsorgan an. Bisher allerdings scheiterten alle derartigen Projekte am Widerstand der USA. Washington möchte sein 5,6 Milliarden Dollar teures Biowaffenprogramm um jeden Preis vor internationalen Kontrollen abschirmen, denn es bewegt sich zumindest teilweise jenseits der vertraglich erlaubten Defensivaktivitäten. Nachdem die Vereinigten Staaten bereits seit Jahren geheime Biowaffenforschung betrieben, beanspruchen sie jetzt ganz offen das Recht auf „Schutzforschung“ als Bestandteil des globalen Kampfes gegen den Terrorismus. Carolyn Leddy vom US State Department erklärte bereits vor Konferenzbeginn unmissverständlich, „dass die Bush-Regierung nicht zu den Protokollverhandlungen oder irgendwelchen anderen Verhandlungen über einen Verifikationsmechanismus für die B-Waffen-Konvention zurückkehren wird.“ Die übrigen Vertragsstaaten stehen jetzt vor dem Dilemma, entweder dem Druck aus Washington zu weichen, oder Kontrollvereinbarungen gegen den Willen der USA abzuschließen. Diese wären aber ohne Teilnahme der in den Biowissenschaften führenden Macht wenig wirksam.

Durch die Fortschritte der Biowissenschaften wächst die militärische Bedeutung biologischer Kampfstoffe alarmierend an. Krankheitserreger können beispielsweise durch die Erhöhung der Antibiotikaresistenz oder ihre „Ummünzung“ von Tieren auf den Menschen gezielt verändert werden. So entwickelte eine Forschungsgruppe an der St. Louis University in den USA mit gentechnischen Verfahren eine besonders tödliche Form des Kuhpockenvirus, der auch Menschen befallen kann. Eine Team um den Biowissenschaftler Terrence Tumpey in der US-amerikanischen Seuchenbehörde (CDC) in Atlanta experimentiert gegenwärtig mit dem gentechnisch wiederbelebten Vogelgrippevirus H1N1, das im Jahre 1918/19 direkt auf den Menschen übersprang und die Spanische Grippe auslöste, an der nahezu 50 Millionen Menschen starben. Dabei wollen die Wissenschaftler herausfinden, welche Mutationen im gegenwärtig auf der Welt grassierenden Virus H5N1 erfolgen müssen, um direkt von Mensch zu Mensch übertragen zu werden. Mit der Begründung, nach einem wirksamen Gegenmittel zu forschen, soll also im Labor genau der Vorgang synthetisch ausgelöst werden, der die größte Gefahr für den Ausbruch der allgemein befürchteten Pandemie darstellt. James Stevens und seine Kollegen von der kalifornischen La Jolla Universität haben die Struktur des Vogelgrippevirus analysiert und entdeckt, dass schon kleine Veränderungen des Eiweißstoffs Hämagglutinin an der Oberfläche der Viren genügen, um sie für den Menschen hochgefährlich zu machen. Kritiker wie Richard Ebright von der Rutgers University im USA Bundesstaat New Jersey warnen deshalb vor den Risiken einer versehentlichen oder beabsichtigten Freisetzung von Viren bei derartigen Experimenten, und Biowaffenexperte Jens Kuhn von der Harvard Universität fordert eine strenge internationale Aufsicht durch die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Auch die bis vor kurzem für unmöglich gehaltene Entwicklung von Ethnowaffen scheint inzwischen machbar. Nach Krankheitserregern, die nur Menschen einer bestimmten Hautfarbe oder ethnischen Zugehörigkeit treffen, wird bereits seit längerem geforscht. Medienberichten zufolge haben südafrikanische Wissenschaftler zur Zeit der Apartheid nach Viren gesucht, die ausschließlich Schwarze infizieren und unfruchtbar machen sollten.Aber der Mikrobiologe Jan van Aken von der biowaffenkritischen Organisation Sunshine Project weist darauf hin, dass in verschiedenen Bereichen umfangreiche genetische Daten verschiedener Bevölkerungsgruppen analysiert und gesammelt werden. Die forensische Genetik versucht, anhand einer genetischen Tatort-Probe die ethnische Zugehörigkeit des Täters zu ermitteln. In der Pharmakogenetik werden klinische Studien an Genen durchgeführt, die möglicherweise einen Einfluss auf die Nebenwirkung von Medikamenten haben. Auch die Grundlagenforschung untersucht zunehmend ethnisch spezifische Gendaten. So wird im Rahmen des internationalen HapMap-Projekts zur Kartierung von so genannten Haplotypen im menschlichen Genom die genetische Variation von vier Bevölkerungsgruppen untersucht: Han-Chinesen, Japanern, Yorubas in Nigeria und USA-Bürgern europäischer Abstammung. Unter den beteiligten Wissenschaftlern vermisst van Aken bislang jedoch genügend Bewusstsein für den möglichen militärischen Missbrauch solcher Projekte. Gentechnik, Genomik und Biotechnologie stehen heute aber erst ganz am Anfang einer Entwicklung, in deren Ergebnis Ethnobomben, psychoaktive Drogen und andere neuartige Waffensysteme entstehen könnten. Die Militärs fordern eine forcierte Biowaffen-Abwehrforschung, denn man müsse sich gegen die Eventualität eines Angriffs mit den Krankheitserregern durch Terroristen oder „Schurkenstaaten“ schützen.

Quelle: Uni Kassel, AG Friedensforschung Peter Strutynski, Nora-Platiel-Str. 5, 34109 Kassel, eMail: strutype@uni-kassel.de

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