Jean-Marie Guehenno

Januar 16, 2007 um 4:07 pm | Veröffentlicht in Gesellschaft, Publikationen, Wirtschaft | Hinterlasse einen Kommentar

Vorstellen möchte ich hier die Ideen von Jean-Marie Guehenno, einem französischen Diplomaten, der auch an der UNO tätig ist. Vereinfacht ausgedrückt, handelt es bei seiner Zukunftsvision um puren Raubtierkapitalismus, die von Maschinendenken und nicht mehr von dem Gedanken der Humanität, vom Streben nach Wahrheit gelenkt ist. Ich gebe seine Ideen in folgendem von ihm selbst formulierten Originaltext wieder.

Der Berliner Nachlaß Gotthard Günthers Jean-Marie Guehenno: Das Ende der Demokratie Auch Guéhenno sieht die Möglichkeit, „der Geschichte ein Ende zu setzen“, aber nicht weil die liberale Demokratie anglo-amerikanischer Prägung sich weltweit durchgesetzt hat, sondern dadurch, „daß die ideologische Auseinandersetzung aufhört, in einer Welt, die so gut verwaltet wird, daß das Streben nach Wahrheit in ihr überflüssig geworden ist.“

Für ihn, ganz im Gegensatz zu Fukuyama, ist die Demokratie, die ihre Wurzeln in Europa hat, zu einem Ende gekommen. „Das, was durch die Revolution von 1789 institutionalisiert wurde, der Nationalstaat, hat ausgedient. Seine Gesetze sind zu Rezepten verkommen, sein Recht zur Methode, er selbst zum juristischen Raum.“ Wie auf die römische Republik das römische Kaiserreich, so folgt auf den Nationalstaat die „imperiale Epoche“, das „vierte Reich“.

Zwei Gründe seien weltweit hierfür verantwortlich: „Die menschliche Gemeinschaft ist zu groß geworden, um noch ein politisches Gemeinwesen zu bilden. Die Bürger stellen immer weniger eine Gesamtheit dar, in der kollektive Souveränität zum Ausdruck kommen könnte; sie sind lediglich juristische Personen mit Rechten und Pflichten, sie befinden sich in einem abstrakten Raum mit zunehmend ungewissen territorialen Grenzen.“

Und zweitens: „Die Idee des Imperiums ist nicht an Europa und damit auch nicht an unsere politischen Traditionen gebunden. Sie entspricht einem neuen Zeitalter, in dem das europäische Politikverständnis durch den Erfolg des asiatischen Raumes relativiert werden wird. Sie beschreibt eine Welt, die gleichzeitig geeint und ohne Zentrum ist … Wir stehen am Anfang eines Zeitalters der Komplexität,“ ohne recht zu wissen, ob es uns zum Vorteil oder zum Nachteil gereicht, weil „unser geistiger Horizont durch die Begriffe Demokratie, Politik, Freiheit begrenzt“ ist, Begriffe, an denen wir mehr aus Reflex als aus Reflexion hängen. Von entscheidender Bedeutung für die Argumentation Guéhennos ist der Begriff des Raumes, der territorialen Begrenzung. Die Nation braucht den Staat, um Demokratie herstellen zu können: „Die territoriale Verwurzelung der Nation ist die Grundlage unserer Freiheit und die Bedingung einer offenen Gesellschaft gewesen.“

Die Definition des Raumes wurde mit äußerster Strenge erzwungen. Die Europäer haben sie mit einem „Jahrtausend der Kriege“ bezahlt. Aber die Idee der Nation, dieser Ort gemeinsamer Geschichte, gemeinsamen Glücks, gemeinsamen Unglücks, ist nur eine kurzlebige europäische Ausnahme: „Die am grünen Tisch gezogenen Grenzen, mit denen die Kolonialmächte Jahrhunderte von Kriegen zu überspringen wähnten, haben sich nur in Nordamerika konsolidieren lassen – aber um welchen Preis! Die gesamte Bevölkerung mußte ausgetauscht werden, um mit der ganzen Macht des Gesellschaftsvertrages die Künstlichkeit des Raums, in dem er gilt, aufrecht zu erhalten.“

Es gibt immer weniger Länder, in denen sich aufgrund der Entstehungsgeschichte oder des Gesellschaftsvertrages die Nation überzeugend durch das Staatsgebiet definieren läßt. Zudem werden das „Territorium“, die räumliche Nähe in dem Maße belangloser, wie die menschlichen Verkehrsformen durch die Revolution der Telekommunikation verändert werden. Die Welt wird „abstrakter“, „immaterieller“. Nicht die Herrschaft über ein Territorium ist fortan wichtig, sondern der Zugang zu einem Netz.

Die staatliche Souveränität beginnt, sich in mehrere funktionsorientierte Strukturen aufzulösen. Wir stehen am Beginn einer Entwicklung, in der die Verwaltung unserer Angelegenheiten auf verschiedene Räume verteilt wird: Gemeinde, Region, Nation, Kontinent, Welt. Verwaltet werden nicht mehr Staaten, Unternehmen, Körperschaften, also Gemeinschaften von Menschen, aus denen sie bestehen und durch die sie definiert werden, sondern Situationen, Probleme, die zu lösen sind.

In einer Welt, wo alles eine Funktion, aber nichts eine Bedeutung hat, in einer Welt voller Rituale und Verfahrensregeln, in einer solchen Welt der Algorithmen erlangen Maschinen jene Bedeutung, die Priester in einer Welt der Götter innehatten. Die pluralistische Welt kennt keine metaphysische Einheit mehr, kein Streben nach Prinzipien und Transzendenz. Die Gesellschaft definiert sich nicht als politisches Gemeinwesen; sie existiert als eine große kybernetische Maschine. „Der Triumph des Relativen, dieser Sieg der Beziehung über das Prinzip, entfremdet uns nicht der Religion, sondern verändert die Natur der religiösen Erwartung. Der Polytheismus hat wahrscheinlich mehr Zukunft als der Monotheismus.“

Die zentrale Figur ist nicht mehr der „Sachwalter in Konflikten“, sondern der „Ingenieur der Beziehungen“: „An die Stelle der öffentlichen Debatte, die im Licht der Vernunft ausgetragen wird, tritt die professionelle Konfrontation der Interessen … Es wird unerheblich sein, ob Privatunternehmen oder Verwaltungsbeamte eine Norm durchsetzen. Die Norm wird nicht mehr Ausdruck der Souveränität sein, sondern einfach ein Faktor, der Ungewißheit reduziert, ein Mittel zur Senkung der Geschäftskosten, in dem die Transparenz verbessert wird … Die Frage nach der Legitimität wird allmählich ebenso unpassend wie das Nachdenken über die »Rechtmäßigkeit« oder »Unrechtmäßigkeit« eines Computerprogramms. Das sanfte Brummen der gesellschaftlichen Maschine genügt sich selbst.“

Für Guéhenno stellt sich die zukünftige Welt in Widersprüchen dar, in Widersprüchen aber, die koexistieren: „Die abstrakte Globalisierung des imperialen Zeitalters und der Archaismus religiöser Zersplitterung sind also durchaus miteinander vereinbar. Die Zersplitterung ist eine natürliche Konsequenz der Globalisierung, und die beiden Phänomene stellen keinen Gegensatz dar: sie betreffen verschiedene Bereiche, und vielleicht werden sie in Zukunft in friedlicher Koexistenz triumphieren.“

In einem vierten Rom können, wie zur Zeit des römischen Kaiserreichs und zum Teil aus denselben Gründen, die zunehmende Verrechtlichung der imperialen Epoche und der religiöse Aufschwung sich durchaus ergänzen: „Angesichts der stets wachsenden Zahl von Zwängen ohne Prinzipien möchten wir gern ein paar Prinzipien ohne Zwang verehren können, dabei aber unabhängig bleiben: Die Prinzipien sind nicht Grundlage der Zwänge.“ Auf der einen Seite hätten wir ein „Recht ohne Staat“, eine Gesellschaft „des Privatrechts ohne jeden philosophischen Bezug zum Naturrecht, reduziert auf einen Regelkodex und nur durch den täglich erbrachten Beweis seiner Funktionsfähigkeit legitimiert; ein Recht, das weder Ausdruck einer Souveränität, eines politischen Gemeinwesens ist (…) noch die gesellschaftliche Umsetzung einer Naturordnung, so wie die menschliche Vernunft sie auslegt; eine elegante und praktische Form, Verfahren zu regeln, so nützlich wie ein Computerprogramm. Und vor einem Computerprogramm senkt man nicht ehrfürchtig das Haupt.“

Auf der anderen Seite hätten wir „Religionen, die Unterschiede und damit Identität begründen, die Möglichkeit zu glauben, ohne daß dieser Glaube das Unterprodukt der unerbittlichen Logik der Vernetzung wäre; ein Polytheismus, der sich mit der Vielfalt der Dinge und der Menschen abfindet, aber unfähig ist zur Universalität.“

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