Safia

Februar 3, 2007 um 6:10 pm | Veröffentlicht in Anachronismen, Vom Klima, Wirtschaft, World War IV | Hinterlasse einen Kommentar

Safia Taleb Al Souhail arbeitet als Botschafterin der Republik Irak in Ägypten und berichtet in ihrer Biographie (Johanna Awad-Geissler, Safia,Droemer-Knaur 2005) über ihr Leben. In diesem Buch sind etliche „Einschübe“ zur Information über Land und Geschichte enthalten. Safia Taleb beansprucht für sich den Titel Scheicha. Sie ist verheiratet mit dem Menschenrechtsminister Bakthiar Amin, einem Kurden. Scheicha Taliba ist eine sehr ungewöhnliche Frau, die Tochter des einflussreichen Scheichs Taleb Al Souhail.

Dieser war beliebter Stammesführer der schiitischen Beni Tamin und wurde 1994 vom irakischen Geheimdienst ermordet. Taleb al Souhail engagierte sich als Führungsmitglied des Putschversuches von Juli 1993 gegen Saddam Hussein. Safia äußert die Vermutung, der geplante Putsch gegen Saddam Hussein könnte von Amerika verraten worden sein. Ihr Vater wollte, dass das Geld aus den Ölverkäufen im Irak bleibt. Seiner Meinung nach war Amerika damals an einem Regimewechsel bzw. an einer Irak-Politik ohne ausländische Einflüsse nicht interessiert.

Safia wuchs zunächst im Libanon auf. Dann brach der libanesische Bürgerkrieg aus. (Maronitische Falangisten im April 1975 griffen einen mit Palästinensern besetzten Bus an. Der Libanon wurde nach anderer Darstellung deshalb angegriffen, da sich Arafat dort verschanzt hatte.) Dann lebte sie in Jordanien auf. Safia wurde von ihrem Vater in christliche Schulen geschickt. Ebenso wie ihre Familie hasste Safia Saddam Hussein wie die Pest, nach der Ermordung ihres geliebten und offensichtlich sehr charismatischen Vaters noch mehr.

Sie wohnte zur Zeit von 9/11 in der Nähe des Pentagons und unterstützte die Idee von Golfkrieg III. Dabei dachte sie an nichts anderes als nur daran, dass Saddam Hussein, der sich zwar geschickt, aber sehr brutal im unruhigen Irak gegen Kurden und Schiiten durchsetzte, egal um welchen Preis entmachtet werden sollte. Wenn irgend jemand an sämtlichen Untaten von Saddam Hussein Interesse hat, dann ist dies haargenau das richtige Buch zum Lesen! So beschreibt sie – bei uns wurde dies gar nicht bekannt -, wie Saddam Hussein bei seinem Aufstieg an die Macht vor regelrechter „Umvolkung“ nicht zurückschreckte und bereits damals sehr viele „internally displaced people“ im Land leben. Ihrer Meinung nach machte Saddam Hussein bei seinen Plänen für die Bewirtschaftung des Landes viele Fehler und war schuld daran, dass früher fruchtbares Land teilweise vertrocknete. Das Bewässerungssystem ihres Vaters sorgte immerhin dafür, dass auch die anliegenden Bauern Wasser bekamen.

Doch auch sie vertritt die Ansicht, dass von der amerikanischen Koalition große Fehler gemacht wurden. Sie beschreibt wie viele andere Quellen, dass im Irak die Amerikaner als Besatzungsmacht sehr unbeliebt sind (S 356). Sie schreibt, dass das US-Militär wohl das Erdölminsterium sorglich geschützt, aber nichts gegen die Plünderungen in der Stadt unternommen hätte. Trotz vorhergehender Expertenwarnung hatte die US-Army die einzigartigen Kunst- und Kulturschätze Mesopotamiens dem Pöbel und professionellen Dieben überlassen, denen Verbindung zur USA nachgesagt wird (S 358). Sie meint, dass bei Entscheidungen im Irak viele verschieden Behörden mitreden können – Leute vom Weißen Haus, das US-Ministerium, das Pentagon, der Nationale Sicherheitsrat und die CIA (S 360). Dem aufrichtigen Willen vieler Lager in den USA, Demokratie in die Welt zu bringen, stehen handfest neokolonialistische Bestrebungen anderer Gruppen gegenüber. Sie wusste, dass das irakische Volk ohnehin mit seinem Erdöl für die Befreiung würde bezahlen müssen und hätte es sich nicht in ihren schwärzesten Szenarien augemalt, dass der Irak zu einem Terroristenparadies werden könnte (S 379).

Sie selbst möchte sich am liebsten als Kandidatin für die Präsidentschaft im Irak aufstellen lassen. Safia kann es mit ihrem Gewissen vereinbaren, keinen Schleier zu tragen, da sie meint, dass im Islam gute und böse Taten gegeneinander aufgewogen werden und das Tragen des Schleiers nicht so viel wiegt. Großartig habe ich gefunden, dass sich Safia Taleb weder von Drohungen, noch nicht einmal von einem Mordanschlag einschüchtern ließ und auch als verheiratete Frau keine Mühe scheute, für ihr Land, vor allem für die Frauen, nach einer guten Lösung zu suchen. So gesehen, war Safia eine von vielen, die guten Gewissens und in wohlwollender Absicht die neokonservative Agenda Amerikas unterstützten, aber vom Fehlschlag der an sich völkerrechtswidrigen Operation „Iraqi Freedom“ entsetzt waren. Sie war – dies muss man ihr zu Gute halten – immerhin mutig genug, um mit ihrer Meinung an die Öffentlichkeit zu gehen.


Sollte für den einen oder anderen Leser ihre Geschichte unglaubwürdig klingen – so unglaublich es klingt, der Bericht über seltsames Verhalten des CIA im Irak wurde von Robert Baer, einem früheren Operationsleiters dieser Organisation (1976 und 1997), der lange Zeit im Mittleren Osten verbracht hatte, bestätigt. Dieser gab zwei Bücher mit gleichem Titel heraus, und zwar „See no Evil, Arrow Books, 2002, ein weiteres zusammen mit dem bekannten Enthüllungsjournalisten Seymour HershSee No Evil: The True Story of a Ground Soldier in the CIA’s War on Terrorism, Three rivers press 2003„.

Robert Baer meinte einmal zu diesem Thema, dass er selbst Umsturzversuche im Irak inszeniert hätte, die aber von seiner Zentrale in Langley ignoriert worden wären. Nach Aussagen aus „See no Evil“ wurde ein sehr spannender Film gedreht, der nicht nur mit Erfolg im Kino lief, sondern auch gute Kritiken aufweisen konnte, und zwar Syriana.

Bilder:Safia, , Syriana, See no Evil (Robert Baer & Seymour Hersh), See no evil

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