Der Mahdi

Februar 5, 2007 um 11:39 pm | Veröffentlicht in Anachronismen, Gesellschaft, Middle East, Skandale, Without Clash, World War IV | 3 Kommentare

Zum Glauben der Schiiten gehört das Warten auf den „Mahdi“, auf den „Messias“, der in der Endzeit das Unrecht in der Welt besiegen wird. Diesen Titel beanspruchten bereits einige für sich. Am bekanntesten wurde jener Sunnit aus dem Sudan, Muhammad Ahmad ibn as-Sayyid abd Allah, der in Khartoum gegen die Engländer kämpfte.

Aber auch nach dem Auftreten dieses islamischen Kriegers behaupteten gleich einige charismatische Moslems von sich, der Mahdi zu sein. Der Islam stellt an sich eine Synkresie zwischen Christen- und Judentum dar, vermengt mit arabischen Mythen und Traditionen. Auf dieser friedlichen Basis arbeiteten Mirza Ghulam Ahmad, der Begründer der Ahmadiyya ebenso wie Bahaúllah, der Schöpfer der Glaubensgemeinschaft der Bahai weiter, Beide neugeschaffenen Gemeinschaften werden allerdings vom offiziellen Islam nicht mehr anerkannt (Für Interessierte: Wiki).

Im Iran glauben die Menschen noch immer daran, dass der Zwölfte Imam, Muhammad al-Mahdi im Verborgenen lebt und eines Tages zusammen mit unserem Jesus zurückkehrt. Entgegen anderweitig vertretener Meinung stellt auch der Koran Jesus als guten und freundlichen Propheten dar, nicht als „blutrünstigen Jesus“, wie dies auf einer besonders islamophoben Seite veröffentlicht wurde. Die Verfassung des Iran nennt diesen den verborgenen Imam als eigentliches Staatsoberhaupt. Inzwischen soll der Iran von seinem Stellvertreter, Wilayat-e Faqih, regiert werden.

Samarra, jener Ort, an dem der al-Askari-Schrein, der Goldene Dom von Extremisten zerstört wurde, gilt als ein sehr wichtiger Ort für den Mahdi-Glauben der Zwölfer-Schiiten (Diese stellen die Mehrzahl der Schiiten). Sie glauben, dass ein Kind, der fünfjährige Mohammed-el Mutadbar im Jahre 874 dort in einem unterirdischen Gewölbe verschwunden sein soll, das als „Mehdi“ im Verborgenen dort weiterlebt, um am Ende der Zeiten zur Welt zurückzukehren.

Bis dahin verkörpert der Verborgene Zwölfte Imam die oberste Richtschnur. Nur in seinem Namen darf regiert, darf die Lehre des Propheten ausgelegt, darf Recht entsprochen werden. In seiner Vertretung kann sich als Zeichen göttlicher Gnade ein „Nayeb“ kundtun, der „als zeitlicher Imam“ dem Volks den rechten Weg weist und es auf die Wiederkehr der messianischen Gestalt des Mohammed-el Muntadhar vorbereitet. (Peter Scholl-Latour, Weltmacht im Treibsand, Ullstein, S 174 f).

Manche meinen, dass sich der jetzige Groß-Ayatollah des Irak, Ali as-Sistani, der den Islam studiert und Veröffentlichungen verfasst hat, sich in der Rolle des „Verborgenen Imam“ gefällt. (Peter Scholl-Latour, Weltmacht im Treibsand, Ullstein, S 270). Ali as-Sistani unterstützte die Wahlen im Irak ebenso, wie er sich bemühte, zwischen Sunniten und Schiiten zu vermitteln. Dies ist vielleicht wichtig, denn im amerikanischen Nachrichtensender CNN wurde behauptet, Präsident Ahmadinedschad hielte sich für den Mahdi. Dies würde aber der Darstellung des „Mehdi-Glaubens“ von Peter-Scholl-Latour widersprechen (siehe auch weiter oben).

Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht, Präsident Ahmadinedschad würde sich für den Mahdi halten. Zu dieser Theorie, die auch von Daniel Pipes, dem Direktor des Middle East Forums unterstützt wurde, möchte ich näher Stellung nehmen. Doch zunächst ein kurzer Rückblick auf die Vorgeschichte:

Mahmoud Ahmadinejad was born in village of Aradan near city of Garmsar, southeast of Tehran in 1956. He is the fourth son of an ironworker who had seven children. Mahmoud and his family migrated to Tehran when he was one-year-old. He went to primary and high school in Tehran and got his diploma and was admitted to the University of Science and Technology (Elm-o-Sanaat) in the field of civil engineering after he ranked 132nd in the nationwide university entrance exams in 1975. He was accepted as an MS student at the same university in 1986 and became a member of the scientific board of the Civil Engineering College of University of Science and Technology. Later on he got his doctorate in 1987 in the field of engineering and traffic transportation planning. He is married with two sons and one daughter.

Die deutsche Zeitschrift „Welt“ veröffentlichte von Präsident Ahmadinedschad einen ausführlichen Lebenslauf, geschrieben in drei Teilen von Urs Gehringer:

Der iranische Präsident Ahmadinedschad absolvierte die technische Universität und erwarb den Doktortitel. Zu seinen positiven Zielen gehört es, die Luftverschmutzung in der Stadt Teheran durch den Einsatz von Kernkraft zu verbessern und für nicht gelöste Verkehrsprobleme der Stadt eine Lösung zu finden. Es ist allgemein bekannt, dass die USA den Iran betreffend die Entwicklung von Kernenergiegewinnung zur Zeit des Schah sogar aktiv unterstützt hat.

Manchen kam es seltsam vor, dass die berühmte alte Pilgerstätte Qom jetzt großzügig restauriert wurde. Diese Maßnahme dient jedoch dem Tourismus.

Weitere Nahrung erhielt das seltsame Gerücht über das Erscheinen des „Mahdi“ in der Person von Ahmadinejad durch eine schlecht verstandene bzw. nachlässig übersetzte Rede. Die Übersetzung seiner Rede vor der UNO am 17. September 2005 veröffentlicht die an sich verlässliche Homepage der Friedensuniversität Kassel wie folgt:

Dear Friends and Colleagues,
From the beginning of time, humanity has longed for the day when justice, peace, equality and compassion envelop the world. All of us can contribute to the establishment of such a world. When that day comes, the ultimate promise of all Divine religions will be fulfilled with the emergence of a perfect human being who is heir to all prophets and pious men. He will lead the world to justice and absolute peace.
O mighty Lord, I pray to you to hasten the emergence of your last repository, the promised one, that perfect and pure human being, the one that will fill this world with justice and peace. O Lord, include us among his companions, followers and those who serve his cause. (Source: http://www.un.org)

Die selbe Übersetzung fand ich auf der Homepage der Militärbeobachtungsstelle von John Pike, USA:

„Dear Friends and Colleagues,
„From the beginning of time, humanity has longed for the day when justice, peace, equality and compassion envelop the world. All of us can contribute to the establishment of such a world. When that day comes, the ultimate promise of all Divine religions will be fulfilled with the emergence of a perfect human being who is heir to all prophets and pious men. He will lead the world to justice and absolute peace.
„O mighty Lord, I pray to you to hasten the emergence of your last repository, the promised one, that perfect and pure human being, the one that will fill this world with justice and peace.

Seltsam, auf der Homepage des iranischen Präsidenten liest sich seine Rede ein wenig anders:

President urges UN to pave way for materialization of world peace
New York, Sept 15, IRNA
Mr. President, Excellencies, Ladies and Gentlemen,
In our view, these concern can only be met if the prevailing discourse in international relations is transformed from one based on violence, discrimination and domination to a discourse of peace and global stability based on justice and spirituality through dialogue, compassion and respect for human beings. The exalted Prophet of Islam says: “ The highest state of wisdom, after faith in God, is seeking friendship with people and extending a helping hand to all fellow human beings. “ These words of wisdom underline the fact that the entire globe is but one body and the pain and ailment of each part disturbs the tranquility of all.
In the words of a famous Iranian poet of thirteenth century: „All human beings are members of one frame, Since all, at first, from the same essence came. When time afflicts a limb with pain The other limbs can not at rest remain.

Letztere Version wirkte auf mich athentisch, denn die Redewendung des Dichters „Sadi„, auf dessen Worte Präsident Ahmadinedschad hier Bezug nimmt, ist im Iran populär, sodass deren Verwendung an sich plausibel klingt. Präsident Ahmadinedschad fühlte sich nach seiner Rede, dies ist überliefert, inspiriert (Daniel Pipes):

Einer von uns sagte mir, als ich begann zu sagen „Im Namen Gottes des Allmächtigen und Barmherzigen“, da sah er ein Licht um mich und ich befand mich innerhalb dieser Aura. Ich spürte es selbst. Ich fühlte, wie sich die Atmosphäre plötzlich veränderte und diese 27 oder 28 Minuten lang zwinkerten die Führer der Welt nicht einmal… Und sie hielten den Atem an. Es schien, als ob eine Hand sie dort fest hielt und ihre Augen geöffnet hätte, um die Botschaft der Islamischen Republik zu erhalten.

Eigentlich vertritt, wie bereits oben angeführt, in der Gemeinschaft der Schiiten die jeweilige Regierung den „Verborgenen Mahdi“. Großayatollah Khamenei hätte eigentlich die Autorität, die Rückkehr des Mahdi zu verkünden. Doch wirklich seltsam: Bei der Rede zur Einsetzung von Präsident – mit seinem Titel Dr. angeredet – Ahmadindschad findet sich davon keine Silbe:

We should make more serious efforts in the field of science. We should try to create more links between our scientific and academic institutions and our technological and industrial centers. We should work toward the fair distribution of resources, facilities and opportunities. Above all, we should try to find the most feasible and practicable methods for achieving these goals.

Selbst, wenn Großayatollah Khamenei Präsident Ahmadinajad als Mahdi ausrufen würde, hätte dieser nach seinem Glauben „defensiven Charakter“ zur Beseitigung von Unterdrückung und sollte eine gerechte Regierung ohne Korruption und Geldgier einsetzen. Eine sehr vage und traurige Ansprache zum Geburtstag des „Verborgenen Imam“ vom 22. Oktober 2002 von Großayatollah Khamenei kann man auf dessen Homepage lesen.

Zum Thema noch eine Zusatzinformation über die zwei „Abwesenheiten“ des Imam Mahdi und seine Wiederkunft:

The Two Occultations
The occultation of the twelfth Imam is, therefore, divided into two parts: the first, the minor occultation (ghaybat-i sughra) which began in 260/872 and ended in 329/939, lasting about seventy years; the second, the major occultation which commenced in 329/939 and will continue as long as God wills it. In a hadith upon whose authenticity everyone agrees, the Holy Prophet has said, „If there were to remain in the life of the world but one day, God would prolong that day until He sends in it a man from my community and my household. His name will be the same as my name. He will fill the earth with equity and justice as it was filled with oppression and tyranny.“

Im Internet findet sich eine „Bright news agency„, die meint, Moslems sollten sich durch gute Lebensführung auf das Erscheinen des Mahdis vorbereiten. Diese Homepage macht mit ihren hellen und harmonischen Farben einen optisch freundlichen Eindruck. Geschrieben ist sie in Farsi. Es gibt angeblich acht solche Einrichtungen im Iran, dies ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass dort 65 Millionen Einwohner leben.

Als einen meiner seltsamsten Funde im Internet betrachte ich diese „Islamischen Apokalypse“, die nicht direkt aus der Sunna entnommen ist, sondern einer der weniger bekannten Hadith-Sammlungen entstammt:

The Antichrist and Christ’s Return
The Antichrist will make his appearance at the cessation of religion and the expiration of knowledge; he will travel throughout the earth for forty nights. During this trip, many a day will be like a year, another like a month, and some like a Friday; his remaining days are like these your days. He will have a donkey upon which to ride. Between the ears of the donkey will be a distance of forty ziras (a zira being 0.68 of a metre). He will say to the people, „I am your lord!“
The Prophet said: „He is one-eyed, but your Lord is not; between his eyes will be written, `Unbeliever,‘ which every believer (Muslim) can read, whether literate or not. He will come to every spring of water, besides Mecca and Medina whose entry Allah has forbidden him and at whose gates the angels stand watch. He will make mountains from bread and the people will be distressed, except those who follow him. During his stay on the earth, there will be two rivers… I know about them more than he – he will name one Paradise and the other, Hell. Whomever he grants entrance into Paradise, that person will be in Hell; whomever he grants entrance into Hell, that person will be in Paradise. Demons who speak to the people will be called forth with him, and it will be a great temptation. He will order the heavens, and it will rain in accordance with what the people see. Likewise, he will kill a soul and revive it, according to what the people perceive. Thereupon he will speak: `O people! Can anyone but the Lord bring forth something such as this?‘ Then the people will flee to Djabalu’d-dukhan (`The Mountain of Smoke‘) by Damascus. He will lay siege to them, and the siege will afflict them with increasing intensity. Thereafter the Messiah – Allah bless him and grant him salvation – will come. His arrival will take place at daybreak. He will say to the (afflicted) people, `O people, what hinders you from facing this wretched liar?‘ They will abandon their positions and, see there, they will stand before Jesus. The ritual prayer will be performed. One will say to Jesus, `O spirit of Allah, come forward! (that is, be our prayer leader)‘ But he will reply: `Your imam should step forward and lead you in prayer.‘ After they have performed the morning prayer together, they will line up against him (the Antichrist). When `the liar‘ sees him, he will dissolve like salt in water, and he will kill him. Even the trees and stones will call to him (the Messiah): `O spirit of Allah, there is a Jew (who hides himself from you)!‘ He will not leave one of them alive who followed him (the Antichrist)“ (19).

Vergleichsweise zu diesem – leider antisemitisch gefärbtem – Text lese man die Darstellung der Apokalypse in der Bibel in der Offenbarung des Johannes. Die Idee von der Apokalypse geht vermutlich auf alte Erzählungen, die von einem Meteoreinschlag berichten, zurück.

In einem Gutachten über den Iran auf der Homepage der Militärbeobachtungsstelle von John Pike, USA, Virginia wurde die Ansicht vertreten, dass die Errichtung eines islamischen Staates die Wiederkunft des Mahdis nicht beschleunigt.

If Hojjatieh Society members confined themselves to proselytizing, there would be little grounds for concern. But Ayatollah Khomeini demanded the society’s dissolution in 1983, because its members opposed the concept of Vilayat-i Faqih. The group believed that the existence of a functioning Islamic government in Iran would delay the reappearance of the Hidden, or Twelfth, Imam (a.k.a. the Mahdi) and his elimination of all injustice and oppression.
It seems unlikely that under current circumstance the Mahdi will reappear, and it seems equally unlikely that the Iranian theocracy will disappear.

Zugegeben, Präsident Ahmadinedschad stützt sich auf eine radikale Splitterpartei: Etelaf-e Abadgaran“ (Koalition der Aufbauenden) und ist ein Anhänger des als fanatisch angegebenen Predigers Mesba Yasdi. Er selbst arbeitet weniger mit Verhaftungen, als mit psychologischem Druck und Entlassungen. Unter seiner Regierung besteht eine starke Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit ein. Bedingt durch Differenzen mit der US-Regierung muss sich Präsident Ahmadinedschad seit Antritt seiner Regierung auf die Verteidigung seines Landes gegen einen Militärschlag einstellen.

Ausgehend von einem der Links auf der Militärbeobachtungsseite von John Pike, habe ich einige Horrorvisionen darüber gefunden, wie ein Israel-Irankrieg ausgehen könnte. Obwohl diese Links unabhängig und nicht regelrecht mit Expertengutachten untermauert war, gebe ich diese weiter – nichts für schlechte Nerven.

Insgesamt bringt uns also sowohl Zionismus als auch der US-Wunsch nach iranischem Öl in eine sehr gefährliche Situation. Die Moslems gehören zu uns, zu den abrahamitischen Religionen. Sie sind weder schuld am Kommunismus noch am Nationalsozialismus. War der Holocaust an den Juden in gewisser Weise „Vatermord“ und unverzeihlich, so sind die westlichen Gesellschaften auch verantwortlich für das Wohlbefinden derjenigen, die ausgehend aus dem Alten und aus dem Neuen Testament den Islam als eigenen Weg für eine große Gemeinschaft gestalten konnten.

Bilder: Al Askari Moschee vor dem Bombenanschlag, Al Askari Moschee nach dem Bombenanschlag

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3 Kommentare »

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  1. Nicht die Schiiten glauben , dass IMAM MOHAMMED MEHDI am Ende der Zeit zurückkehren wird, sondern die Aleviten glauben es. Sie sollten sich schon vorher gedanken machen was Schiiten und Aleviten sind, bevor Sie hier ein Schwachsinn schreiben!

  2. Nicht richtig! Die Aleviten sind an sich eine nette Glaubensrichtung, die mit dem Islam eng verwandt ist und aber von der großen Glaubensgemeinschaft der Moslems nicht mehr anerkannt wird. Es macht nichts, wenn Sie schreiben, dass etwas Ihrer Meinung nach falsch ist, aber bitte, dokumentieren Sie es!

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