Carmen Bin Ladin

Februar 11, 2007 um 3:32 pm | Veröffentlicht in Frauen im Islam, Gesellschaft, Middle East, Publikationen, Skandale | Hinterlasse einen Kommentar

Zu den wenigen Menschen im Westen, die Osama Bin Laden persönlich kennenlernten, gehört Carmen Bin Laden. In ihrem sehr spannend geschriebenen Buch beschreibt sie ihre Ehe mit einem Halbbruder von O.B.L., Jeslam bin Laden und ihr Leben in Saudi Arabien: Der zerrissene Schleier, Carmen Bin Ladin, Knaur, 2005.

Carmen Bin Ladin, eine sehr schöne und mutige Frau, wurde als Tochter einer Iranerin und eines Schweizers aus wohlhabendem Milieu als Europäerin erzogen. Als sie den Moslem Jeslam Bin Ladin heiratete, unterschätzte sie wie viele andere die Probleme einer gemischtgläubigen Ehe. Ihr Mann las ihr lange Zeit jeden Wunsch von den Augen ab und versuchte, sie so glücklich wie möglich zu machen. Dies war nur sehr schwer möglich, denn er übersiedelte nach dem Abschluss seiner Ausbildung in den USA mit seiner Frau nach Saudi Arabien.

Der Vater von Jeslam bin Laden, Scheich Mohammed Bin Ladin, kam ursprünglich als armer Mann aus dem Jemen nach Saudi Arabien. Hochintelligent wie auch die anderen Mitglieder seiner Familie, arbeitete er sich, als fromm, fleißig, ehrlich, gewissenhaft und tapfer beschrieben, als Baumeister hoch und erlangte Macht und Einfluss. Mohammed bin Laden galt als großzügig. Carmen Bin Ladin meint, er wäre in jeder Kultur als Genie betrachtet worden. Er starb bei einem Flugzeugabsturz. Er hatte zweiundzwanzig Ehefrauen (nicht gleichzeitig, sondern mit Scheidungen) und vierundfünzig Kinder und gründete damit einen sogar für die Verhältnisse in Saudi Arabien einen sehr große Clan. Sein großes Engagement trug dazu bei, das Land von „Kamelspuren im Sand“ in die moderne Gegenwart zu führen.

Eines der Kinder von Scheich Mohammed, der erzkonservative Osama Bin Laden, reagierte besonders zornig, als G. Bush sen. seine Truppen in Saudi Arabien stationierte. Doch dies geschah später. Als die Russen in Afghanistan (1979) einmarschierten, meldete sich O.B.L. als Freiheitskämpfer. Angeworben wurde er vom saudi-arabischen Geheimdienst, Prinz Turki Ibn Feisal, der wiederum Beziehungen zum CIA, zu William Casey hatte. Das Königshaus Saud, damals König Chaleb, begrüßte einen solchen Einsatz, bzw. wünschte, das Einflussgebiet des rigorosen Wahabbismus zu erweitern.

O.B.L. brachte schweres Gerät nach Afghanistan und besorgte Leute, die Straßenbaumschinen bedienen konnten, um Tunnel für Feldlazarette und Waffenlager auszuheben. Er legte Grabensysteme als Schutz gegen Angreifer an und griff selbst zur Waffe. So wurde er zum Volksheld. Saudi Arabien unterstützte diesen Kampf mit Geld und vielen Spenden. Eine seiner Halbschwestern flog persönlich nach Afghanistan, um dort Hilfsgüter zu verteilen. Das Bin-Laden-Unternehmen hat nach wie vor den angesehenen und lukrativen Exklusivvertrag für die Instandhaltung von Mekka und Medina.

Für Carmen Bin Ladin war es sehr schwer, sich an die für Frauen harten Sitten in Saudi Arabien – für sie geradezu „ein Parallel-Universum“ zu gewöhnen. Nicht nur der streng reglementierte Tagesablauf ihres eigenen Lebens machte ihr zu schaffen. Nach einer glücklichen Zeit in einer nahezu perfekten Beziehung holten der Westen und ein böser Konflikt aus dem Osten beide ein. Zunächst erfolgte ein riesiger wirtschaftlicher Aufschwung.

Der Mann von Carmen bin Laden, Jeslam Bin Ladin, war sehr tüchtig und gestaltete aus dem ärmlichen Dschidda, welches fast nur aus Lehmhütten bestand, eine schöne, moderne Stadt, stand aber, den strengen Clangesetzen folgend, immer im Hintergrund hinter seinen älteren Brüdern. Carmen Bin Ladin, die sich als intelligente Frau „wie in einem Goldfischglas gefangen“ und intellektuell ausgehungert fühlte, ermutigte ihn immer wieder, nach vorne zu drängen und sprach mit ihm sehr viel über „Modernisierung“. Bald besaß Jeslam bin Laden sehr, sehr viel Geld und konnte in der „Intrigenwirtschaft“ der riesigen Familie vermehrt nach oben drücken.

Carmen Bin Ladin war sehr traurig, als durch die Revolution im Iran durch Khomeini alle vorsichtigen Lockerungen in der strengen Frauenpolitik in Saudi Arabien rückgängig gemacht wurden und religiöser Fanatismus wiederum für Aufregung sorgte. Kurz nach der Machtergreifung Ayatollah Khomeinis marschierten die Russen in Afghanistan ein, worauf – wie oben beschrieben – O.B.L. sich freiwillig dem dortigen Widerstand anschloss bzw. diesen organisierte. Sie meint, Kronprinz Abdallah wäre ein damaliger Sympathisant von O.B.L. – dem später die saudische Staatsbürgerschaft entzogen wurde – gewesen.

So unglaublich es klingt, aber es war das Bin-Laden-Unternehmen, das den damals regierenden König Chaled über die Rebellion in der heiligsten Stadt des Islam verständigte. Der Terror wurde niedergeschlagen. Ein Mitglied der Bin Laden-Familie, und zwar Mahrus, der, bevor er sich zum strenggläubigen Islam bekannte, einige Jahre als Playboy gelebt hatte, stand unter dringendem Verdacht, mitbeteiligt gewesen zu sein. Dies wurde vertuscht.

Aber ihr Mann, für den schon vorher die ständigen Reibereien mit anderen Familienmitgliedern nicht gut waren, wurde durch die Angst, die die Unruhen in Saudi Arabien in ihm geweckt hatten, psychisch krank und labil. Carmen Bin Laden meint auch, es wäre für ihn sehr schwierig gewesen, seine pro-westliche Einstellung, die er sich in seiner Studienzeit angeeignet hatte, mit saudi-arabischen Traditionen zu vereinbaren. Sie selbst war immer sehr glücklich darüber, wenn sie als Abwechslung zum eingeengten Leben in Saudi Arabien mit ihrem Mann im Westen Urlaub machen und dort mehr Freiheit genießen konnte.

Ihr Mann, der sie ganz für sich haben wollte, verlangte, nachdem sie ihm zwei kleine Töchter geboren hatte, ein Abtreibung! Obwohl sie in weiterer Folge doch noch ein weiteres Kind bekam, zerstörte dies beider Beziehung. Immer mehr fürchtete sich Carmen Bin Ladin davor, ihre Töchter so aufwachsen zu sehen, wie dies saudi-arabische Tradition verlangt und setzte, als ihr Mann sie auch noch betrog, die Scheidung durch. Er bat sie, wenigstens eines der Mädchen bei ihm, dem Vater zu lassen, aber sie beanspruchte das Sorgerecht zur Gänze und bekam es. Carmen bin Laden lebt jetzt, deprimiert und verängstigt durch einen sehr schmutzigen Scheidungskrieg, mit ihren drei Töchtern in der Schweiz. Ihr Mann lebt jetzt, nicht weit von ihr entfernt, ebenfalls im Westen.

Carmen Bin Ladin beschreibt dass einigen Mitgliedern des Herrscherhauses, der „High Society“ von Saudi Arabien viele Missstände, Korruption, Dekadenz, sogar Homosexualität, Rauschgiftgebrauch, Alkoholschmuggel und Sexorgien nicht fremd waren. Als Zentrale des Islams, als „Hüter der heiligen Stätte“ verfügen die Herrscher von Saudi Arabien über sehr viel Macht und Einfluss. Sie meint, dass die Herrscher von Saudi Arabien sich als Wächter des Islam im Sinn des radikalen Wahabbismus fühlen, diesen in islamischen Ländern fördern und ihre wahrhaft riesigen Geldmittel einsetzen, um islamische Erweckungsideen zu stützen und auch, um Moscheen in Europa, Asien und sogar in Amerika zu bauen.

Die Länder, die Hilfe aus Saudi-Arabien erhalten, werden unter Druck gesetzt, damit sie strenge Gesetze erlassen. Ihrer Meinung sind nach wie vor finanzielle Verstrickungen zwischen der großen Familie von Bin Laden und dem Herrscherhaus der Saud vorhanden. Insgesamt erscheinen ihre Bedenken, was den Einfluss der Saudis auf unsere Gesellschaft betrifft, plausibel, denn der Weltzentralrat des Islam wird von Saudi Arabien dominiert:

Islamische Weltliga (MWL), (Muslim World League), 1962 in Mekka mit dem Ziel gegründete Organisation, den Islam zu verbreiten und die Einheit zwischen den Muslimen zu wahren. Die Islamische Weltliga gliedert sich in den Kongress (etwa 500 Mitglieder), den jährlich tagenden Gründungsrat mit 53 Mitgliedern, den Weltrat der Moscheen (60 Mitglieder, ebenfalls jährlich tagend) und einen Generalsekretär, der nach der Satzung immer von Saudi-Arabien gestellt wird. Zu den wichtigsten Aufgaben der Islamischen Weltliga, die zu fast 100 Prozent durch Mittel aus Saudi-Arabien finanziert wird, gehören u. a. Übersetzungen religiöser Schriften, die Einrichtung und Unterstützung islamischer Kulturzentren und finanzielle Hilfe für islamische Einrichtungen (Microsoft Encarta).

Die Pilgereinnahmen in Mekka bedeuten einen ganz wesentlichen wirtschaftlichen Faktor für dieses Land. Einmal mehr sind auch Carmen bin Laden´s Beschreibungen ein deutliches Indiz dafür, dass der radikale Islam ebenso wie der Großteil der terroristischen Anschläge nicht aus dem Iran stammt, sondern dass geschäftliche und persönliche Verbindungen zwischen den Anführern der Terroristen und dem Herrscherhaus Saud vorhanden sind.

Nach den Regeln der Sunniten darf jeder, der möchte, eine „Fatwah“ einen Richtspruch, erlassen. Bekannt wurde jene von O.B.L. der aufrief, alle „Juden und Ungläubigen zu töten“. Doch diese Fatwah besitzt keinerlei Aussagekraft. Der Mordaufruf von O.B.L. wurde von fast allen Imamen, von den führenden Autoritäten des Islam abgelehnt und ist für niemanden verbindlich.

Die gewaltbereite Glaubensauffassung von O.B.L. geht auf die Ideen eines besonders radikalen Mitgliedes der Moslem Brotherhood zurück, und zwar auf einer bereits zur seinen Lebzeiten als auffällig bekannten Extremisten, Sayyid Qutb (1906-1966). In Ägypten fand Sayyid Qutb nur wenige Anhänger. Der damalige Präsident Nasser verhaftete ihn und etliche andere Mitglieder der „Brotherhood“ als Unruhestifter. Kurz darauf wurde er hingerichet.

Unterschätzen darf man den radikalen Wahabbismus, der von Saudi Arabien ausgeht, trotzdem nicht. Doch dieser hat weniger etwas mit Religion zu tun als mit der Idee, aus islamisch – sunnitischen Ländern, die reich sind an Bodenschätzen wie z.B. der Sudan westliche Investoren, Widerstandsgruppen und andere Störfaktoren, die umfangreichen Geschäften der dort herrschenden Clique im Weg sein könnten, gründlich zu vergraulen.

Trotzdem sollte man niemals vergessen, dass es sich bei den Moslems um eine riesige Schar von Gläubigen handelt und dass der Großteil der Moslems den Wahabbismus ablehnt. Die westlichen Länder dürften, außer um dort für Sympathie und Geschäftsverbindungen zu werben, der Familie Saud vollkommen gleichgültig sein. Obwohl Saudi Arabien, Israel – wie alle anderen Staaten auch – ablehnt, lieben die Herrschenden am meisten ihr Geld und ihre Bequemlichkeit und haben wohl kaum Interesse daran, in direkte Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden.

Bilder: Der zerrissene Schleier, O.b.L., Tochter von Carmen bin Laden, Sayyid Qutb

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