Sattareh Farman-Farmaian, Schahsades Tochter

Februar 17, 2007 um 10:35 am | Veröffentlicht in Frauen im Islam, Middle East, Publikationen, Without Clash | Hinterlasse einen Kommentar

Als ich, wie so oft, der Versuchung nicht widerstehen konnte, mir ein günstiges Buch mit einem interessanten Klappentext zu kaufen, wählte ich an diesem Tag ein Buch von Sattareh Farman-Farmaian, Schahsades Tochter, Heyne, 2004. Die Stunden vergingen wie im Flug, als ich diese spannende und flüssig geschriebene Biographie einer bemerkenswerten Frau aus dem Iran so schnell wie möglich durchlas.

„Satti“, wie sie in ihrer Familie genannt wurde, wuchs zur Zeit von Schah Reza Chan, dem Vater von Schah Reza Mohammed Pahlevi, im Harem einer ursprünglich einflussreichen persischen Adelsfamilie auf. Doch dies war eigentlich nicht ihr Problem. Ihre Familie litt sehr darunter, dass Reza Chan Pahlewi, von den Briten zunächst gestützt, ein unglaublich brutaler Herrscher war, der in großem Zug Enteignungen, Umvolkungen und Massenhinrichtungen vornahm. Zu seinen geschmacklosesten Taktlosigkeiten gehörte sein Verbot des Schleiers. Damit erzeugte er, ohnehin schon sehr unbeliebt, bei der ländlichen Bevölkerung und der Geistlichkeit, den Mullahs Hass.

Reza Chan Pahlevi, selbst ein rücksichtsloser und skrupelloser Hochkömmling, schwärmte für den „Führer“ und krönte sich selbst zum Schah. Aus Persien wurde der Iran – um an die arische Abstammung des Volkes zu erinnern. Bereits damals interessierten sich einige Großmächte für die Ölvorräte des Iran. Großbritannien und Russland marschierten letztendlich im Iran ein und Reza Chan Pahlewi, der im zweiten Weltkrieg das „Dritte Reich“ in Deutschland unterstützte, musste abdanken.

Nachfolger wurde sein Sohn Mohammed Reza Pahlewi. Dieser wurde von breiten Schichten der Bevölkerung ebenfalls gehasst und gefürchtet. Mit seiner Unterdrückungsmaschinerie, der SAVAK regierte er durch Folter und Terror. Das Land lebte kurz auf unter dem zwischenzeitlich regierenden Dr. Mossadegh, der allerdings von den Amerikanern weggeputscht wurde (Operation Ajax). Dieser protestierte gegen die „Anglo-Iranian-Oil-Company“ und wollte das Öl verstaatlichen. Die Machtverteilung in der Ölindustrie wurde unter dem zurückkehrenden Schah Mohammed Resa Pahlevi zwar geändert, aber dies geschah nicht auf eine Art und Weise, dass es für das iranische Volk gut war.

Obwohl die „Weiße Revolution“ das Land stark modernisierte, scheiterte z.B. die an sich gut gemeinte Reformierung der Landwirtschaft daran, dass die zugeteilten Parzellen für die Landbevölkerung zu klein waren, sodass Hunger und Arbeitslosigkeit immer weiter anstieg (S 372), während der Schah (der zum Staat Israel ein gutes Verhältnis hatte und von den USA zahlreiche Waffe kaufte) ebenso wie ausländische Investoren sehr luxuriös lebte.

Sattareh Farmian beschreibt, dass sie einmal in einem Heim für Behinderte diese in kleinen Zellen auf einer 2 m (!) hohen Kotschicht vorfand. Sie brauchte viel Energie, um den Bürgermeister zu überzeugen, dass er sich dieses „Heim“ einmal genau ansah. Dann reagierte dieser allerdings entsetzt und sie bekam seine volle Unterstützung zur Verbesserung des dortigen Zustandes.

Das Volk begrüßte zunächst die Revolution unter Ayatollah Ruollah Khomeini. Doch Khomeini, der sich gar nicht so sehr als zukünftiger Herrscher sondern als Träger der islamischen Revolution verstand, arbeitete mit der „linken Fraktion„, um den Schah zu stürzen. So entstand auch die Bezeichnung „marxistischer Islamismus„. (Zum Thema Khomeini findet sich im Online-Buchhandel amazon.de ein sehr gut bewertetes Buch mit dem Titel „Khomeinism“, in dem der Autor Ervand Abrahamian diesen als eine Art „islamische Befreiungstheologie“, sozusagen als Gegenstück zur Befreiungstheologie mancher Katholiken in Lateinamerika beschreibt.)

Im Iran konnte der als fanatisch beschriebene Khomeini, ebenso wenig wie jetzt G.W.B. im Irak, kein tragendes Konzept zur Machtübernahme vorwiesen. Er selbst plante, so ähnlich wie Dr. Mossadegh, so ähnlich wie jetzt Dr. Ahmadinejad, die Rechte auf die Nutzung des Bodenschätze des Iran für das eigene Land unabhängig von fremdem Einfluss. Als der Schah flüchtete, explodierte trotz Aufruf zur Mäßigung der von langer Hand aufgestaute Volkeszorn wie ein Vulkan. Es kam zu Plünderungen, Denunziationen, Einkerkerungen und zahllosen Hinrichtungen. Die Minderheiten – Christen, Juden und Bahai, die bis dahin friedlich unter der Bevölkerung gelebt hatten, wurden in den aufkommenden politischen Unruhen unterdrückt und ermordet.

Frau Farman-Farmaian erzählt in ihrer Biographie, dass eine Gruppe von „Klerikalen“ ein Stadtviertel des Iran, in welchem Prostituierte, Drogen- und Alkoholsüchtige lebten, anzünden wollte. Zusammen mit ihren Sozialhelfern gelang es ihr, die Frauen zu retten. Sie wurde dafür sogar von einem der Khomeini nahe stehenden Mullahs extra gelobt (S 401), denn der Klerus der Schia distanziert sich von solchem Verhalten.

Da sie als Sozialhelferin notgedrungen mit dem Schah auskommen musste, wurde sie zunächst als Mitläuferin von Revolutionsführern verhaftet. Sie hatte aber die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Dabei gelang sie es ihr sogar, ihrem „Inquisitor“ zu erklären, dass Familienplanung dazu dienen sollte, den Frauen und Familien körperliche bzw. finanzielle Überforderung zu ersparen. Ayatollah Khomeini hätte gerne gesehen, dass sie ihre Arbeit im Iran fortsetzt, aber es war einfach unmöglich. Das Klima zwischen ihr und ihren Schülern war völlig vergiftet und Frau Farman Farmian ging in die USA und leistet jetzt dort Öffentlichkeitsarbeit.

Frau Sattareh Farman-Farmaian, eine gläubige Muslima, beschreibt insgesamt ein sehr ungewöhnliches Leben. Als junge Frau wollte sie nach Amerika, koste es, was es wolle. Sie setzte ein Studium im Ausland durch, reiste unter Gefahren während des World War II in die USA, wobei sie sogar den Umweg über Indien in Kauf nahm. Sie arbeitete wie ein Pferd, um sich ihr Studium als Sozialhelferin leisten zu können und wurde anschließend sogar gebeten, gemeinsam mit Beamten für König Feisal, der damals im Irak herrschte, einen Sozialplan zu entwerfen, um bei Ansiedlung von Beduinenstämmen zu helfen. Sie engagierte sich in den Flüchtlingslagern der Palästinenser im Libanon ebenso wie in den Slums von Bagdad.

Einige Zeit arbeitete sie – noch in den USA – auch mit einem Selfmade-Multimillionär zusammen, Mr. Alton Jones zusammen, der auch an Ölgeschäften mit dem Iran interessiert war. Dieser war ebenso wie sie sehr betroffen, als Präsident Eisenhower beschloss, die Briten und nicht Dr. Mossadegh im Iran zu unterstützen.

Wieder zurückgekehrt in den Iran, organisierte sie Sozialarbeit, wo sie nur konnte, gründete eine große Schule (mit etwa 2000 Schülern) nach streng humanitären Richtlinien und verschaffte ihren Schülern anerkannte Diplome. Sie setzte sich auch dafür ein, anderen jungen Leuten im Iran, besonders Frauen, das Studium im Ausland zu ermöglichen, um ihrem Land so gut wie möglich zu helfen.

Traurig meint sie, dass die jetzige Regierung in Amerika die Bedürfnisse der Menschen in den USA selbst übersieht, dass bedingt durch das Auftreten von G.W.B., Amerika die Freundschaft des Irans leichtfertig ausgeschlagen hätte und dass die Menschen begreifen sollten, dass kleine und schwache Länder – wie der Iran auf die Idee kommen könnten, sich durch Gewalt und Zwang Gehör zu verschaffen. Frau Farman-Farmaian nennt „Hardsch-o-mardsch“ – die Anarchie, nicht den Islam, als den großen Feind ihres Landes und bezeichnet die „islamische Revolution“ in ihrem Land als gescheitert. Als tüchtige Frau kritisierte sie auch die rückständige Frauenpolitik im Iran.

An dieser Stelle möchte ich mir eine kurze Bemerkung erlauben. Einige der Leser werden Teile der Erzählung Sattareh Farman-Farmaians vielleicht als unglaubwürdig empfinden. Ganz kurz möchte ich deshalb von einer persönlichen Begegnung zu erzählen, die die Aussagen dieser tüchtigen Iranerin in meinen Augen besonders glaubwürdig machten.

Während eines längeren Aufenthaltes in Wien hatte ich Gelegenheit, eine junge iranische Medizinstudentin kennen zu lernen. Als ich nun Sattareh´s Buch las, dachte ich sofort an diese junge Frau mit ihrem freundlichen Gesicht und den dunklen, strahlenden Augen und daran, wie sie mir voll Begeisterung und Idealismus von ihrem Studium und von ihrer Heimat erzählt hat. Sie erzählte mir, sie würde nach ihrer Studienzeit in den Iran zurückgehen. Mögen gute Wünsche sie begleiten, damit es ihr und ihrem Land immer gut geht! Dazu könnte es beitragen, dass die Botschaft des Friedens, die in Sattareh Farmian´s Buch enthalten ist, möglichst viele Menschen erreicht.

Homepage: Sattareh Farman-Farmaian (Kurzbiographie, Ehrungen, Rezensionen)

Bild: Sattareh Farman-Farmaian, Schahsades Tochter

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