Zerreiße den Schleier der Ohnmacht

Februar 23, 2007 um 6:10 pm | Veröffentlicht in Frauen im Islam, Middle East, Publikationen, Skandale, Without Clash | Hinterlasse einen Kommentar

Das Buch „Zerreiße den Schleier der Ohnmacht“ wurde von der Irani Behjat Moaali mit Hilfe der Ghostwriterin Manuela Runge geschrieben und erscheint im Krüger Verlag, 2003. Behjat Moaali beschreibt zum Großteil den eigenen Lebensweg als jungen Rechtsanwältin. Sie studierte im Iran neben ihrer Arbeit als Lehrerin und arbeitete später in Deutschland im Verein „Refugio Zentrum für die Behandlung, Beratung und Psychotherapie von Folter- Flucht.- und Gewaltopfern in Schleswig-Holstein e.V.“ als Koordinatorin und Dolmetscherin.

In ihrem Buch prangerte sie besonders Menschenrechtsverletzungen im Iran an. Leider wurde ihr Studium über iranisches Recht in Deutschland nicht anerkannt, sodass sie nicht als Rechtsanwältin weiterarbeiten konnte. Ihre bestimmt auch bei jetzigen Diskussionen über Frauen im Islam interessante Doktorarbeit schrieb sie über „Frauen im Iran – von der Sassaniden-Dynastie bis zur Revolution„. Ein Teil der Untersuchung betraf Frauen und Strafrecht.

Ihr Großvater war – ein Mullah. Sie beschreibt, dass er mit über dreißig Frauen eine „Zeitehe“ (nur bei den Schiiten möglich, nicht bei den Sunniten) eingegangen war, um Witwen bis zu deren Wiederverheiratung nach der Trauerzeit eine Überbrückungshilfe zu gewähren. Oft kannte er diese Frauen gar nicht und hatte mit ihnen auch keine Kontakte. Zu seinen vier Hauptfrauen (nach dem Koran darf ein Mann bis zu vier Frauen heiraten), nahm er noch eine Waise auf in seine Familie. Als diese verheiratet werden sollte, weinte sie und wollte nicht weg von ihrem Mullah. Deshalb heiratete ihr Großvater sie ebenfalls, sodass sie seine fünfte Frau wurde.

Im Iran hasste Behjat Moaali zunächst den Diktator Schah Rheza Pahlewi und seine Geheimpolizei SAVAK. Behjat Moaali fand es gut, dass Schah Rheza in Teheran viele Neubauten und Renovierungen vornehmen ließ, dass er sich sehr stark für Bildung einsetzte und vor allem in der sensiblen Frauenfrage mit der Bevölkerung ein ernstes Wort sprach. Aber dieses Regime war, obwohl von den USA gestützt, nichts anderes als eine Diktatur, die Aufstände niederschlug, niederschoss und obendrein willkürliche Festnahmen und Urteile aussprach.

Vom Ölreichtum profitierten nur Industrielle und ausländische Firmen. Die meisten Menschen lebten in großer Armut. Die Landreform der „Weißen Revolution“ versagte völlig, den Menschen ging es sogar wesentlich schlechter als zuvor, da sich die enteigneten Feudalherren weigerten, sich weiterhin um ihre bisherigen Untergebenen zu kümmern.

Zunächst unterrichtete sie an einer der vom Schah organisierten „Modellschulen“ für die bitterlich armen Kinder der Unterschicht. Sie selbst musste öfters den Arbeitsplatz wechseln, da sie zornig über den enormen Unterschied zwischen „arm“ und „reich“ im Iran anprangerte und, wenn sie einen Missstand bemerkte, ihre Kritik nicht zurückhielt. Nach der Geburt ihres Sohnes wäre sie fast gezwungen gewesen, ihre Arbeit aufzugeben, da es nahezu aussichtslos war, einen Betreuungsplatz für das Baby zu finden.

Vom Regen in die Traufe kam die Bevölkerung des Iran ihrer Meinung allerdings durch die islamische Revolution des Ayatollah Khomeini, der bedingt durch dessen großartige Versprechungen vor der Machtergreifung freudig begrüßt wurde, diese aber weder einhalten noch durchsetzen konnte und sich auch mit den anderen Mullahs nicht unbedingt einigen konnte. Das bisherige Rechtssystem löste sich auf zugunsten einer diffusen islamischen Rechtssprechung.

Die Mullahs waren nicht unbedingt böse, aber die bisher erreichten Frauenrechte wie Familienplanung, Gleichheit im Scheidungsrecht, keine Verschleierungspflicht, gingen alle verloren und dies war sehr schlimm. Selbst, wenn ein richtender Mullah zur Milde rät – wie sie es an einer Stelle ihres Buches beschreibt -, ändert dies nichts daran, dass der „harte Islam“ noch in den Herzen besonders der Landbevölkerung verankert ist.

Die tüchtige, junge Frau riskierte für sich selbst viel, um ihre freie Meinung, ihr persönliches Bekenntnis zu den Menschenrechten äußern zu können. In ihrem Buch erzählt sie den zum Teil fingierten Fall einer jungen Frau, die zum Tode verurteilt wurde. Sie konnte ihr nicht helfen, doch motiviert sie der Gedanke an die vielen unterdrückten Frauen im Iran dazu, nicht aufzugeben und sich immer wieder von neuem Mühe zu geben.

Das Lebensweg Behjat Moaalis kann bestimmt als eines von vielen Beispielen dafür stehen, dass der Westen durch Überzeugungsarbeit Menschen in islamischen Ländern sehr wohl für sich gewinnen kann und dass im Guten zur Zusammenarbeit gewonnene Mitarbeiter in unserer Gesellschaft sehr gute Arbeit leisten können. Ihre sehr differenzierte Sichtweise auf die Situation in ihrem Land zeigt aber auch, wie verflochten die sozialen, die rechtlichen und die organisatorischen Gegebenheiten für die Frauen im Iran sind und wie unrealistisch es wäre, mit Gewalt in diesem Land etwas zum Vorteil zu ändern.

Homepage: Refugio

Bild: Zerreiße den Schleier der Ohnmacht

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