Frauenrechte in Paris und Pakistan

März 5, 2007 um 7:35 pm | Veröffentlicht in Frauen im Islam, Publikationen, Skandale, Without Clash, World War IV | Hinterlasse einen Kommentar

In diesem Posting möchte ich gerne die Biographien zweier Frauen gegenüberstellen, und zwar die einer Frau aus Pakistan, Mukhtar Mai (Die Schuld, eine Frau zu sein, Droemer, 2006) und die eines jungen Mädchen aus Paris, Samira Bellil (Durch die Hölle der Gewalt, Blanvalet Verlag, 2005). Beide hatten etwas gemeinsam – sie wurden vergewaltigt.

Mukhtar Mai, gläubige Muslima und Tochter braver islamischer Eltern, beschreibt die Situation in Pakistan so, dass sehr wohl Gesetze gegen Vergewaltigungen existieren und dass es nach dem Gesetz, auch zulässig ist, für Mädchen Schulen zu gründen und dass die Frauen eigentlich das Recht hätten, den Partner selbst zu wählen. Doch die Praxis in Pakistan sieht anders aus. Dadurch, dass der Staat momentan nur Lehrer für Knaben bezahlt, lernen die Frauen weder lesen und schreiben. Noch dazu greift die Polizei nicht gerne ein in regionale Konflikte. Rechtsanwälte sind teuer.

Der Hinduismus entstand ursprünglich im Industal Pakistans. Davon geblieben ist, dass sich innerhalb der Bevölkerung „Kasten“ gebildet haben, von denen sich einige anderen überlegen fühlen. Bei wirklichen oder scheinbaren Übergriffen der Clans untereinander rächen sich die Männer dort nicht direkt, sondern sehr oft an den Frauen oder Töchtern des Gegners. Dies alles zusammen wurde Mukhtar Mai zum Verhängnis und sie wurde Opfer einer Massenvergewaltigung.

Insgesamt reagierte die junge Frau heldenhaft. Sie erstattete Anzeige und verwendete das als Entschädigung erhaltene Geld für den Bau einer Mädchenschule. So schnell wie möglich schloss sie der Schule eine Landwirtschaft an, um mit ihrer Schule von Spenden unabhängig zu werden. Nach dem Erdbeben engagierte sie sich zugunsten der Opfer. In ihrem Buch schildert sie auch das Schicksal einiger anderer Frauen, um auf den Missstand der Rechtlosigkeit Frauen in Pakistan aufmerksam zu machen, dessen Ursprung ihrer Meinung nach noch im vorislamischen Bereich liegt.

Mukthar Mai bezeichnet sich selbst als „Hafiz„, d.h. sie konnte den Koran auswendig, obwohl sie selbst weder Lesen noch Schreiben gelernt hatte. Nach einer von ihren Eltern arrangierten Ehe, die für sie nicht zufrieden stellend verlief, durfte sie zu ihrer Familie zurückkehren und unterrichtete den Islam. Dies ist bei den Moslems möglich, auch Mohammed´s Tochter Fatima „lehrte“.

In ihrem Buch beschreibt sie unter anderem den Fall einer Frau, die nach einer Vergewaltigung durch ihren Schwager schwanger wurde. Die Frau wollte das Baby trotzdem. Deshalb wäre sie fast wegen Unzucht zu Tode verurteilt worden und wurde, obwohl ihr Mann ihre Freilassung forderte, zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Samira Bellil wuchs als Tochter gut situierter algerischer Einwanderer in einem Vorort von Paris auf. Mit nur 14 Jahren wurde sie das erste Mal das Opfer einer Massenvergewaltigung. Später geschah dies noch zweimal. Samira Bellil hatte keinen Halt zu Hause. Ihr Vater war während des Algerien-Krieges gefangen und gefoltert worden. Er begann zu trinken und wurde gewalttätig. In weiterer Folge ließ sich Samiras Mutter scheiden. Deshalb ging Samira sehr gerne aus und geriet mit ihrer ersten Liebe prompt an die falsche Adresse, einen brutalen Bandenführer, der mit seinesgleichen auf „schlecht behütete“ Mädchen – „filles a cave“ – im übelsten Sinn Jagd machte.

Obwohl sie Anzeige erstattete, geriet das Mädchen unter die Räder. Sie lief von zu Hause ebenso wie aus dem Heim weg, rauchte, kiffte Joints und beging auch kleinere Delikte. Sie wechselte ständig ihre Beziehungen. Mit nur fünfzehn Jahren wurde sie schwanger. Das Kind wurde abgetrieben. Eine gute Frage, wer in diesem Fall für sie zuständig gewesen wäre. Zur Mutter, die sie bat, nach Hause zu kommen, wollte sie nicht. Sie verstand sich nicht mit ihrem mittlerweile arbeitslos gewordenen Vater. Aus dem Heim lief sie öfters weg, dieses wurde außerdem ohnehin geschlossen. Als sie einmal doch einen „fixen“ Freund hatte, bot ihr dessen Vater an, in der Familie zu wohnen. Es funktionierte nicht, ihre liederlichen Umgangsformen machten einen Aufenthalt in einer gutbürgerlichen Familie untragbar und Samira musste wieder gehen.

Jahre später brach Samira Bellil endgültig zusammen. Erst zehn Jahre nach der ersten Vergewaltigung bekam sie Psychotheraphie. Es gelang ihr, endlich Entschädigung zu bekommen und sie schrieb ein Buch, um anderen zu helfen. Später arbeitete sie als sozialpädagogische Betreuerin für Kinder und Jugendliche. Zusammen mit anderen jungen Frauen engagierte sie sich gegen den sexuellen Missbrauch von Mädchen und Frauen. Samira Bellil starb mit nur 31 Jahren an Magenkrebs.

Bei der Gegenüberstellung beider Geschichten fällt auf, dass Mukhtar Mai´s Fall weltweit von der Presse aufgegriffen wurde, besonders auch in Amerika. Letztendlich setzte sich sogar Präsident Musharraf persönlich ein für die Bestrafung der Täter. Es war ihm der Wirbel allerdings so peinlich, dass er einmal ebenso genervt wie unvorsichtig eine hässliche Bemerkung über Vergewaltigungen und Geld machte. Dies nahm ihm die Weltöffentlichkeit sehr übel

Dagegen verhaftete 1998 die französische Polizei 994 Jugendliche in Frankreich, die der gemeinschaftlichen Vergewaltigung minderjähriger Mädchen beschuldigt wurden. Es besteht in Paris wenig Interesse an Berichten über Verbrechen, die im Untergrund der Großstadt geschehen. Es sollte aber, gerade in diesem sensiblen Bereich der unmittelbaren Frauenrechte, ein Anliegen der westlichen Staaten sein, auch vor der eigenen Türe zu fegen.

Aber gerade der Vergleich zwischen den zwei Frauenschicksalen zeigt, wie ein Ereignis ausgeschlachtet wird, um Negativ-Reklame gegen ein islamisches Land zu machen (Wiki). Das Engagement von Mukthar Mai, außer der Bestrafung der Täter auch eine Mädchenschule durchzusetzen und diese noch dazu durch eine eigene Landwirtschaft zu stützen, zeigt doch eigentlich, dass sogar in Pakistan, einem streng islamischen Land, Spielraum für eine positive Entwicklung vorhanden ist.

Keine Frage, gemessen an den Standards europäischer Länder sind „pakistanische Verhältnisse“ für uns nicht mehr im tolerierbaren Bereich. Kein Einwand gegen Journalisten, Missstände in anderen Ländern aufspüren und an die Öffentlichkeit zu bringen, um so gut wie möglich zu helfen. Zugegeben, ohne Unterstützung auf breiter Basis hätte es Mukthar Mai kaum geschafft, ihren Anspruch auf Gerechtigkeit durchzusetzen.

Trotzdem sollten auch „Islamophobe“ versuchen, bei der Beurteilung von Land und Leuten fair zu bleiben. Pakistan zählt zu den armen Ländern und war sowohl gezwungen, nach dem Afghanistankrieg als auch nach 9/11 zahllose Flüchtlinge aufzunehmen. 2005 erschütterte ein starkes Erdbeben Pakistan.

Gerade das Verhalten von Mukhtar Mai zeigt doch, dass Moslems nicht grundsätzlich gefährlich, brutal und destruktiv sind. Mukhtar Mai selbst schreibt, dass sie sehr oft wütend und traurig ist über das viele Unrecht, welches den Frauen in ihrem Land angetan wird. Doch ihr Weg ist ein anderer, als der der Gewalt und des Aufruhrs. Trotz aller Schmach und Schande liebt Mukhtar Mai ihr Land und ihren Glauben. Ihr Buch endet mit den Worten:

„Schlussendlich bedanke ich mich auch ganz herzlich bei meinen kleinen Schülern, all den Jungen und Mädchen, deren schulischer Fleiß mir die Hoffnung gibt, dass in meinem Dorf die Kinder einer besser ausgebildeten und freien Generation aufwachsen, einer Generation, in der Frauen und Männer friedlich miteinander leben.“

Einmal mehr fragte ich mich, ob nicht Geldspenden in ausreichender Höhe, engagierte Vertreter von Menschenrechtsorganisationen, von NGO´s (Non Governmental Organisations) demokratische Entwicklungen in islamischen Ländern wesentlich besser fördern könnten als militärischer Einsatz.

Bilder: Die Schuld, eine Frau zu sein, Mukthar Mai, Durch die Hölle der Gewalt, Flüchtlingslager in Pakistan

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