Verschleppte Kinder

März 7, 2007 um 8:41 pm | Veröffentlicht in Frauen im Islam, Gesellschaft, Publikationen, Skandale, Without Clash | 1 Kommentar

Im islamischen Scheidungsrecht sind die Frauen deutlich schlechter gestellt als im europäischen. Die Benachteiligung betrifft nicht nur den finanziellen Bereich, sondern bei Trennungen werden die Kinder dem Vater zu gesprochen. Geschiedene Frauen gehen zurück zu ihren Eltern, während das Kind in der Großfamilie des Mannes aufwächst. Diese Regelung, die in islamischen Ländern Tradition hat, führt allerdings, wenn Ehen zwischen westlichen Frauen und Moslems scheitern, immer wieder zu Tragödien.

Bekannt in diesem Zusammenhang wurde besonders die Amerikanerin Betty Mahmoody. In ihren zwei Büchern „Nicht ohne meine Tochter, Lübbe, Neuaufl. 2006“ und „Aus Liebe zu meiner Tochter, Lübbel 1993“, beschreibt sie ihre gescheiterte Ehe mit einem Iraner und den Streit um das Sorgerecht für ihre Tochter. Um ihre Tochter nicht im Iran zurücklassen zu müssen, entschloss sie sich zur Flucht. Mit Hilfe freundlicher Fluchthelfer gelang ihr zusammen mit ihrer Tochter von Teheran aus über verschneite Gebirgspässe der abenteuerliche Weg zurück in den Westen.

Im zweiten Buch beschreibt Betty Mahmoody ihr darauf folgendes Engagement für die Zusammenführung von Kindern und Müttern aus gescheiterten Ehen mit islamischen Partnern ebenso wie weitere Differenzen mit ihrem Exmann, der sie auch nach ihrer Rückkehr nach Amerika immer wieder belästigte und bedrohte. Ein wenig vergessen hat Bette Mahmoody in ihrem Zorn, dass Frauenrechte auch im westlichen Kulturkreis noch nicht alt sind – man denke nur ganz kurz an den Roman „Effi Briest“ von Theodor Fontane.

Zum Bestseller wurde auch das Buch „Noch einmal meine Mutter sehen“ von Zana Muhsen, die gemeinsam mit ihrer Schwester, beide minderjährig, von ihrem Vater an Männer in Jemen verkauft wurden, d.h. also, dass von der Rechtslage her gesehen das Verhalten absolut kriminell war. Beide Mädchen wurden zwangsverheiratet und außerdem als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Aus islamischer Sicht gilt ein solches Verhalten als sehr schäbig.

Vorstellen möchte ich im Zusammenhang mit dieser Problematik die Biographie einer sehr mutigen Frau, und zwar die der Engländerin Donya Al-Nahi, (Engel der Wüste, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2005).

Donya Al-Nahi wuchs ihrer Aussage nach in einer kalten und lieblosen Umgebung auf. Bald verliebte sie sich in die arabische Lebensart, konvertierte zum Islam und heiratete einen Iraki. Sie selbst liebt ihre Kinder sehr. Gerade deshalb bemühte sie sich lange Zeit darum, Kinder aus islamischen Ländern zurückzuholen, die von ihren muslimischen Vätern ins Ausland verschleppt wurden. Dabei war es ihr ein Anliegen, auch die Gefühle und Motive hinter einer solchen Tat zu begreifen.

Es kommt ihrer Ansicht nach sehr oft vor, dass Männer nur dann wieder in die Heimat zurückwollen, weil sie im Westen nicht Fuß fassen konnten. Kehren die Männer dann ohne ihre Kinder zu ihren Eltern zurück, verlieren sie das Gesicht. Manchmal auch sind die Frauen in diesen gescheiterten Beziehungen nicht unbedingt als Mütter geeignet.

Donja Al-Nahi kritisiert die Schwarzweiß-Malerei der Öffentlichkeit, da die Verhältnisse manchmal wesentlich komplizierter sind, als dies oberflächlich kolportiert wird. In einem Fall weigerte sie sich, ein Kind zurückzuholen, da dies unbedingt beim Vater bleiben wollte und Verdacht auf Misshandlung durch die Mutter vorlag.

Um in Härtefällen Hilfestellung leisten zu können, baute Donya Al-Nahi mit sehr viel Engagement und Idealismus ein regelrechtes Netz auf, um verschleppte Kinder zurück zu ihren Müttern zu bringen. Sie schreibt, dass Mohammed al Fayed, der Besitzer des Kaufhauses Harrods und der Vater von Dodi al-Fayed, jenem Dodi al-Fayed, der gemeinsam mit Lady Diana bei einem Autounfall verunglückte, ihre Arbeit unterstützte. Bei ihren improvisierten Einsätzen geriet sie selbst oft gefährliche Situationen. Als sie fast im Gefängnis landete, wurde ihre Arbeit endgültig enttarnt. Ihr Buch schrieb sie, um nach 9/11 für den Islam mehr Verständnis zu wecken.

Eindringlich weist sie darauf hin, dass sich Frauen, die in den islamischen Kulturkreis einheiraten wollen, nicht nur ihre Partner, sondern auch deren Familie ganz genau ansehen sollten. Sich selbst beschreibt sie als eine „Braut, die sich nicht traut“, die gleich zwei Hochzeiten platzen ließ, bis sie in ihrer jetzigen Beziehung das Gefühl hatte, den Mann ihres Lebens gefunden zu haben.

Es muss wohl auch Gefühlssache sein, um zu wissen, wie weit man gehen kann. Sie selbst lernte einmal ganz kurz einen jungen, reichen Araber kennen, der sie in sein schönes Haus einlud und versprach, sie zu heiraten. Ziemlich bald reiste er nach Saudi Arabien und sie hörte lange Zeit nichts mehr von ihm. Vergnügt plünderte sie, wie sie beschreibt, seine Kreditkarte. Er selbst hatte sich inzwischen in Saudi Arabien dem Wunsch seiner Eltern, eine andere Frau zu heiraten gefügt. Die Beziehung ging im Guten auseinander.

Am Ende ihres Buches verweist Donya Al-Nahi auf das Haager Abkommen, welches besagt, dass jedes Kind unter 16 Jahren, das „widerrechtlich“ in ein anderes Land gebracht worden ist, sofort wieder in sein bisheriges Zuhause oder seinen bisherigen „Lebensmittelpunkt“ zurückgeschickt werden muss. Mittlerweile gibt es 24 Unterzeichnerstaaten (1992). Auch in diesem Bereich erscheint also Kooperation, Geduld und Verständnis im Umgang mit den verkrusteten Strukturen der islamischen Ländern wesentlich mehr zu bewirken als rohe Gewalt.

Bilder: Nicht ohne meine Tochter, Aus Liebe zu meiner Tochter, Noch einmal meine Mutter sehen, Engel der Wüste

1 Kommentar »

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  1. […] also unbedingt auch die Mühe geben, die Familie des Mannes ganz genau kennen zu lernen (siehe auch Posting). Um in der islamischen Gesellschaft – z.B. bei uns in Europa – etwas zu verändern, müsste also […]


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