Über „Die Chroniken von Narnia“ von C.S. Lewis

März 25, 2007 um 8:22 pm | Veröffentlicht in Anachronismen, Gesellschaft, Middle East, Q´chott, Skandale, USA, Without Clash | 1 Kommentar

Zu den Kinderbüchern, die in den letzten Jahren Furore machten, gehörten die Chroniken von Narnia, geschrieben von dem Engländer Clive Steples Lewis. Die 7-teilige Buchreihe, die die Abenteuer verschiedener Kinder im magischen Land Narnia beschreibt, entstand bereits in den Jahren 1950 – 1956 und wurde bereits früher verfilmt.

Eines der Bücher aus dieser Reihe wurden jetzt neu auf die Leinwand gebracht, und zwar der zweite Teil „Der König von Narnia“ (2005, The Lion, the Witch and the Wardrobe). Ein weiteres, Prinz Kaspian befindet sich zur Zeit in Produktion. Die Fantasy-Serie ebenso wie der Film erhielt von der United Church of Christ und anderen (Huffingtonpost) christlichen Organisationen regelrechten Kultstus.

Die Begeisterung für Narnia ging auch am deutschsprachigen Bereich nicht vorbei. Sogar ein evangelische Theologe, Markus Mühling untersucht in seinem Buch „Gott und die Welt in Narnia, Eine theologische Orientierung, Vandenhoeck & Ruprecht, 2005“ die Parallelen zwischen dem Fantasy-Stoff und der Bibel. Seiner Meinung nach ist die ganze Geschichte von Narnia gespickt mit Analogien zur christlichen Heilsgeschichte.

Als ich einen Vorspann des Filmes mit den actionreichen Kampfszenen im Fernsehen sah, wurde ich zuerst ärgerlich und überlegte mir, wie verrückt jemand sein muss, solch ein Machwerk mit den Prädikaten „christlich“ und „wertvoll“ zu versehen. Schließlich und endlich wurde der Film bzw. die Serie, deren letzter Teil zu allem Überfluss auch noch „Der letzte Kampf“ heißt, sogar ernsthaft als Bestandteil der neokonservativen Werbemaschinerie für GWOT (Global War Against Terrorism) bzw. gegen die Moslems eingesetzt – und dass bei Kindern (American Thinker)! Dann überlegte ich mir, dass es zugegeben unmöglich ist, einen Film nach einem kurzen Clip zu beurteilen und sah mir das Buch an.

Ich gestehe, dass ich am Anfang mit dem Buch zum Film nichts, nichts anfangen konnte. Doch fand ich den Autor, C.S. Lewis interessant, der auch das Buch „Anweisungen für einen Unterteufel“ verfasst hat. Dieser Autor, Mitglied des christlichen Literaturkreises Inklings, vertrat ernsthaft die Meinung, „Narnia“ wäre gleichzustellen mit dem Meisterwerk „Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien, mit dem er lange Zeit befreundet war.

Seine Anmerkungen, wieweit das Buch christlich sein soll, beschränken sich auf wenige Zeilen:

There´s one funny line he put in a letter. He said children know who Aslan is, Palmer said. The great golden lion, son of the emperor from beyond the sea, is a Christ reference (JTA).

Ich persönlich empfand das Märchen ganz einfach nicht als christlich, eher schon konnte ich mit der Auffassung etwas anfangen, dass Elemente aus der griechischen und römischen Mythologie mit irischen und englischen Märchen gemixt sind (Wiki). Mir fehlte vor allem der Löwe! Zugegeben, der Film selbst beruft sich auf ein biblisches Zitat (Wiki):

Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda!“
(Offenbarung 5.5)

Diese wenigen Worte aus der ohnehin erst im Jahr 92 n.Chr. entstandenen Offenbarung bieten insgesamt wenig Grundlage, um darauf eine ganze Geschichte zu bauen. Der Name „Juda“ betrifft in diesem Fall nur in weiterem Sinn das israelische Volk, sondern bezeichnet eigentlich einen der Söhne Jakobs:

Juda, du bist’s! Dich werden deine Brüder preisen. Deine Hand wird deinen Feinden auf dem Nacken sein, vor dir werden deines Vaters Söhne sich verneigen. Juda ist ein junger Löwe. Du bist hochgekommen, mein Sohn, vom Raube. Wie ein Löwe hat er sich hingestreckt und wie eine Löwin sich gelagert. Wer will ihn aufstören? Es cwird das Zepter von Juda nicht weichen noch der Stab des Herrschers von seinen Füßen, dbis daß der Held komme, und ihm werden die Völker anhangen. Er wird seinen Esel an den Weinstock binden und seiner Eselin Füllen an die edle Rebe. Er wird sein Kleid in Wein waschen und seinen Mantel in Traubenblut. Seine Augen sind dunkel von Wein und seine Zähne weiß von Milch.

Gibt man in der Suchfunktion der Online-Bibel (Lutherübersetzung) das Wort „Löwe“ ein, dann kann man leicht nachrecherchieren, dass, abgesehen von der Geschichte des mutigen Propheten Daniel, der – wie man weiß – während der babylonischen Gefangenschaft von Nebukadnezar in die Löwengrube geworfen wurde und dort unversehrt wieder hervorstieg, eigentlich nur wenig Beziehung zwischen der jüdischen bzw. christlichen Religion und Löwen besteht.

Der Name des Löwen „Aslan“ lässt sich sowohl in türkischer Sprache als auch in einem iranischen Dialekt, Askeri, mit „Löwe“ übersetzen und gilt auch in einigen islamischen Ländern bis zum heutigen Tag als Ehrentitel (Aslan Abaschidse – georgischer Politiker, Aslan Alijewitsch Maschadow – tschetschenischer Präsident und Widerstandskämpfer oder auch Arp Aslan, der Großsultan der Sedschuken).

Dies brachte mich den Gedanken, die Herkunft des Löwen als Träger religiöser Symbolik im Mittleren und nicht im Nahen Osten zu suchen, denn eigentlich ist Persien das „Land der Löwen“. Auch in früheren Flaggen befand sich ein Löwensymbol:

Das alte Persien verwendete weiße Flaggen mit Abbildungen von Löwe und Sonne. Die Sonne stand für die Lehre des Zarathustra und die Reinheit der Gedanken. Der Löwe stand für die Kraft und den Mut der Perser. Die Art und Weise der Darstellung von Löwe und Sonne wurde erst ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts vereinheitlicht, da 1806 der „Orden des Löwen und der Sonne“ gegründet worden war. Von diesem Orden wurde die Symbolik erneut auf die Flaggen des Landes übertragen. Etwa ab dem Jahre 1845 wurde der Löwe mit dem Schwert des Ali (Zülfükar) – Schwiegersohn des Propheten Mohammed und Begründer der Schia – dargestellt. (Anmerkung: Das Löwensymbol mit dem Schwert wurde in der Vergangenheit von der Schah-Dynastie ebenso wie jetzt von der Oppositionspartei.NRCI verwendet, siehe auch Flaggenlexikon)

Im Time Life-Buch von Desmond Stuart „Die Frühzeit des Islam“, Time Inc., 1968, S 133 fand ich folgende Zeilen: Der Löwe ist das stärkste aller Tiere; er fürchtet kein anderes Tier und streift deshalb durch die Wildnis. Frauen und Kinder greift er nicht an; er flieht kein Tier außer der Ameise. Vor einem weißen Hahn hat er Angst und lässt Karawanen, die einen Hahn mitführen, unbehelligt. Melodischer Gesang besänftigt ihn; wenn er badet, ist er so friedlich, dass ein Kind auf ihm reiten und ihn lenken könnte. Diese Worte stammen aus einem alten „Bestiarum“, einer alten Sammlung von Tierbeschreibungen aus dem 11. Jahrhundert, die in der Morgan Library in New York ausgestellt wird. Dieses wurde zunächst von einem Arzt am Hofe des Kalifen von Bagdad, Ibn Bachtischu, erstellt. Zwei Jahrhunderte später wurde es ins Persische übersetzt und mit Miniaturen ausgestattet.

Ich fand heraus, dass der Löwe eigentlich Ali in symbolhafter Bedeutung zugeordnet wurde, jenem Ali ibn Ali Talib, dem vierten rechtgeleiteten Kalifen (also einem jener ersten vier Kalifen, die Mohammed persönlich kannten), der auch als Gründer der schiitischen Glaubensgemeinschaft gilt.

Die Aleviten, eine besonders friedliche und sympathische Glaubensgemeinschaft aus dem islamischen Spektrum, kennen folgendes Sprichwort: „Ali ist der Löwe Gottes“. Für sie ist der Löwe das Symbol für Gerechtigkeit und Güte, also für Eigenschaften Gottes, die einem gläubigen Aleviten als besonders erstrebenswert gelten. Bei den Aleviten begleitete Ali, manchmal unsichtbar, manchmal als Löwe – sogar als sprechender Löwe – , den Propheten Mohammed!

Die Aleviten glauben sogar, dass Ali in Wirklichkeit gar nicht gestorben ist: Nach dem Tode Alis wurde sein Leichnam auf ein Kamel gelegt. Ali teilte seinen Söhnen Hasan und Hüseyin vor seinem Tod mit, dass ein verschleierter Mann kommen und das Kamel wegführen würde. Als der Mann kam und mit dem Kamel wegging, liefen Hasan und Hüseyin ihm nach, um festzustellen, wer dieser Mann sei. Der Fremde hob den Schleier: es war Ali selbst…

Vier Throne müssen im Buch „Der König von Narnia“ besetzt werden, um das Land zu retten – vier Tore (1. Die Annahme der Gesetze, 2. die Kenntnis der individuellen Ansprüche, 3. die Erkenntnis über den anderen, 4. die Rechte und Pflichten der Gemeinschaft) müssen der Meinung der frommen Aleviten nach beachtet werden, um nach ihrem Glauben zu leben. In gewisser Weise kennen die Alewiten eine Dreieinigkeit Gottes; und zwar die von Allah, Mohammed und Ali. Man kann in ihrer Religionsgemeinschaft auch Elemente des christlichen Abendmahls wiedererkennen.

Im alevitischen Glaubensdiens „Cem“ wird auch ein ritueller Tanz aufgeführt: „Semah“, der das Sonnensystem mit den Planeten darstellt. Die Bewegung der Planeten ist übrigens auch für den Fortgang der Jahreszeiten entscheidend.

Die Beschreibung der Landschaft von Narnia, der Witterung, der Pflanzen und der Tiere (bis auf den Biber) passt meiner Meinung nach ganz genau auf Urmia, eine Stadt knapp an einem großen Binnenmeer, dem Urmiasee. Im Iran wird noch immer ein großes Frühlingsfest gefeiert – Nouruz! Ich fand noch zahlreiche andere Hinweise darauf, dass das Phantasieland Narnia im Orient angesiedelt ist, so weist doch der Name des Mädchens Aravia im Buch „Der Ritt nach Narnia“ ganz klar auf „Arabien“ hin. Ein Buchtitel der Narniareihe enthält sogar einen geographischen Hinweis, und zwar das Buch Prinz Kaspian und Narnia. Das kaspische Meer liegt doch in West-Asien. Es hat auch einen iranischen Hafen und zwar Bandar Anzali, früher Bandar Pahlevi.

Für Bibelwissenschafter ebenso wie für Suchende, die erst nach langem Forschen zu ihrem Glauben fanden wie C.S. Lewis muss der Iran eine geradezu magische Ausstrahlung haben. In Persien wurde auch Zoroaster, Zarathustra geboren, der als einer der ersten Propheten „Gut und Böse“ trennte und in weiterem Sinn auch zu den Gründern der abrahamitischen Glaubensrichtungen gehört.

Kann man nicht davon ausgehen, dass C.S. Lewis die Narnia-Chroniken deshalb geschrieben hat, um das Interesse von Kindern nicht nur für den christlichen Glauben, für griechische Mytholologie, für alte Sagen und Märchen zu wecken, sondern auch, um die Leser anzuregen, über den Mittleren Osten und über die Entstehung unseres Glauben zu nachzudenken? Im Christentum ist kritisches bzw. vergleichendes Lesen und in diesem Sinn gelesen wären die Narnia-Chroniken sogar sehr nette und gelungene Kinderbücher.

Sie könnten daran erinnern, dass das Christentum ebenso wie das Judentum und der Islam auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgehen. Sowohl das Judentum, als auch das Christentum und der Islam nahmen auch Ideen des persischen Religionsgründers Zarathustra auf, der erstmalig in einem dualistischen System „Gut“ und „Böse“ voneinander trennte. Die Bücher könnten auch darauf aufmerksam machen, dass jetzt alte Kulturstätten und Regionen, in denen unsere gemeinsame Zivilisation angefangen hat, im Mittleren Osten in wirklicher Gefahr sind.

Bestimmt aber hätte sich der Autor, der den ersten und den zweiten Weltkrieg miterleben musste, entschieden dagegen verwahrt, dass seine Löwengeschichten dazu verwendet werden, um Kinder im Sinne von GWOT zu einem „Final Battle“ zu motivieren!

Gerade an dieser Symbolik rund um den „König der Löwen“ kann man sehr gut erkennen, wie nahe sich eigentlich die Religionsgemeinschaften in M.E. mit ihrem gemeinsamen geschichtlichen Hintergrund stehen. Wer´s nicht glaubt, dass auch jetzt noch Weiterentwicklungen vorhanden sind, sollte sich unbedingt die Homepage der Aleviten ansehen (Yunus.de). Obwohl diese Glaubensgemeinschaft vom „offiziellen Islam“ noch nicht anerkannt ist, könnte vielleicht in ihr eine Chance für unsere Gesellschaft liegen, demokratisches Gedankengut unter den „Anhängern Allahs“ zu fördern.

Möge also der eisige Winter, der jetzt das politische Klima zwischen dem Westen und der islamischen Welt bestimmt, genauso zu Ende gehen wie der harte Winter in Narnia, damit eine neue Zeit der Vernunft und Toleranz anbricht!

Zusatzinformation: Flaggen in Persien und im Iran, Lion rugs, Mithraeum, ,

Bilder: C.S. Lewis, Iblis – die Hexe, Aslan – der Löwe


Nicht nur Kinder, sondern auch sehr viele Erwachsene kennen den erfreulichen Zeichentrickfilm „Simba, der König der Löwen“ (Disney Studios). Doch auch das Wort „Simba“ als Bezeichnung für einen Löwen stammt aus Swaheli, einer Sprache eines islamischen Landes.

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1 Kommentar »

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  1. ROBOTS ROLL INTO IRAQ WAR

    They’re not quite Terminators, but robots have taken to the battlefield. Machine-gun-toting robots have been on patrol in Iraq since


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