Aufstockung der deutschen Truppen in Afghanistan

Juli 29, 2007 um 4:58 pm | Veröffentlicht in Anachronismen, Democrats, Middle East, Skandale, World War IV | 2 Kommentare

Für jeden Terroristen sterben hunderte unschuldige Zivilisten. Und an deren Stelle treten ein paar künftige Terroristen. Wie soll das enden?
(Arundhati Roy [zitiert aus: SPIEGEL 44/01])

Soll Afghanistan nun kolonialisiert oder demokratisiert werden? Die Befürworter eines Afghanistaneinsatzes gehen davon aus, dass der traditionelle Stil, in dem Briten oder Franzosen ihre Kolonien unterwarfen, auch in Afghanistan Erfolg haben könnte. Die Briten versuchten übrigens ihr Glück auch einige Zeit lang in Afghanistan. Nach blutigen Kriegen, Rückschlägen und einer Teilung des eroberten Gebietes mussten die frühere Kolonialmacht nach einigen Jahrzehnten dem Land die Unabhängigkeit zugestehen und sich zurückziehen (Wiki). Es gelang ihnen über ihre direkte Herrschaft hinaus sichtlich nicht, die Bevölkerung vom Wert einer Verwestlichung zu überzeugen.

Das Land in eine Demokratie überzuführen sollte eigentlich heißen, die Mehrheit der Bevölkerung von dieser Regierungsform zu überzeugen und um deren Bereitschaft erreichen, sich selbst für eine Verbesserung der Verhältnisse einzusetzen. Selbst im Fall eines Sieges über die Taliban, einem Ereignis also, das in Anbetracht der Größe, der Unwegsamkeit dieses Landes und anderer Probleme wie Rauschgifthandel, Trockenheit und Spannungen zwischen den Ethnien ohnehin kaum eintritt, sehe ich in dem von Ihnen vorgeschlagenen Weg das Problem darin, dass eine gewaltsam erreichte Vormachtstellung kaum zu halten ist und langfristig einen erheblichen Rückschlag mit sich bringt.

Der Roten Armee, die zwölf Jahre lang in Afghanistan vergeblich kämpfte, fehlte es wahrlich nicht an Grausamkeit und Härte. Man kann der US-Army beim Kampf in Afghanistan oder im Irak kaum einen Vorwurf ersparen, aber nicht den, dass sie etwa zu weich war.

Dies brachte mich auf den Gedanken, dass diese Art zu kämpfen bei diesen regelrecht fanatisierten Taliban vielleicht die falsche Strategie ist. Sie kämpfen nicht in einer hierarchischen Ordnung wie europäische Heere und haben keine Angst zu sterben. Gesetzt den Fall, einer wird getötet, sorgt vermutlich der Rest seiner Familie dafür, dass „Blutrache“ kein leeres Wort bleibt.

Bereits während früherer Kämpfe in Afghanistan wurden etliche Taliban nicht getötet, sondern verstümmelt. So verlor zum Beispiel der Londoner Hassprediger Abu Hamsa Al Massri im Krieg gegen Russland gleich beide Arme und ein Auge (8.2.2006, Rainbow Online News). Auch der geistige Ziehvater O.b.L.´s, Mullah Omar, verlor im gleichen Krieg durch einen Schuss ein Auge.

Drängt sich nicht an dieser Stelle der Gedanke geradezu auf, dass viele Afghanen auf die USA, auf Russland, auf Europa, auf dem Westen zugewandte Regierungen ganz einfach so wütend sind wie Kapitän Ahab auf Moby Dick?

Wenn es zur Zeit im Norden auch nur ein wenig ruhiger ist als im umkämpften Süden, besteht doch zumindest die Möglichkeit, dass sich zwar langsam, aber doch, eine ruhigere Vorgangsweise durchaus bewährt hat. Bereits vor einigen Jahren wurde über einen Schulbuchskandal berichtet, in dem darauf hingewiesen wurde, die US-Regierung hätte in Afghanistan einen „militarisierten“ Koran vertrieben (22.3.2002, Washington Post). Hier könnte doch ebenfalls eine Nische entstanden sein, in die sich eventuell einhaken ließe.

Nach wie vor exportiert Afghanistan Rauschgift. Durch den zweifelhaften Handel mit Opiaten finanzieren ansässige Stammesfürsten immer wieder ihre Waffeneinkäufe. Durch die Kriege wurden zahlreiche Flüchtlinge in die Nachbarstaaten Iran und Pakistan vertrieben, darunter auch aggressive Terroristen. Zahlreich verstreute Landminen gefährden jeden, der dieses Land betritt. Die Umwelt ebenso wie das Grundwasser wurde auch durch giftige Chemikalien stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Bevölkerung geht es sehr schlecht.

Immer wieder verlangen US-getreue Fans, dass Deutschland seiner Bündnispflicht vermehrt nachkommen sollte. Sie vertreten die Ansicht, dass militärischer Einsatz geeignet sein könnte, den Widerstand der Taliban zu brechen und den Menschen dort Ruhe und Ordnung zu bringen. Wie ich es oben schon mehrfach anklingen ließ, fehlt nach den zahlreichen Fehlschlägen der US-Army vielen Europäern in den letzten Jahren der Glaube daran, dass der Krieg in Afghanistan mit den geeigneten Methoden geführt wird und den gewünschten Erfolg bringt. Auf die Detailfrage, wieweit sich verstärkter Einsatz des Militärs bewähren könnte bzw. von Deutschland als pflichtbewusstem Mitglied der NATO weit mehr unterstützt werden müsste, möchte ich hier eingehen.

Der Widerwille. der von einem Teil der Deutschen geäußert wird, wenn die Sprache darauf kommt, dass die militärische Präsenz in Afghanistan gehalten bzw. ausgebaut werden könnte, könnte auch zu einem großen Teil daher kommen, dass die US-Army selbst noch Kräfte im Irak gebunden hat, die sie ohne weiteres in Afghanistan einsetzen könnte. Es existiert ja sogar ein solcher Vorschlag, der einen Teilabzug im Irak vorsieht, und zwar der James Baker Plan (Wiki).

Bereits 2003 wurde in einem Artikel in der angesehenen Foreign Policy ein Bericht darüber veröffentlicht, dass zu wenig Aufmerksamkeit nach Afghanistan gerichtet wäre (Juli, August 2003, Foreign Policy).

Im Irak sind zur Zeit noch etwa 150.000 Soldaten stationiert. Was die Truppen im Irak betrifft, so bleibt es unklar, ob diese nicht doch bis 2009 weiterhin dort stationiert bleiben sollen (25.7.2007, Reuters).

Glaubt man aber einem Bericht von Esther Pan, wurde aber im Gegensatz zum geäußerten Bedarf im Vorjahr die Stärke der US-Truppen in Afghanistan von 20.000 Mann auf 16.000 zu reduziert. Eine Angabe über die Reduktion der Truppen in Afghanistan mit Zahlenangaben findet sich auch in einem Artikel auf der Homepage von Zeit Online aus dem Jahr 2006. Präsident Karzai soll Schwierigkeiten damit haben, seine Truppen zu bezahlen.

The coalition had planned to build the ANA (Afghan National Army) to 70,000 soldiers by 2008, still a modest figure to maintain security across Afghanistan. But Karzai’s government, which currently relies on international aid for nearly its entire budget, cannot afford to pay the salaries of its soldiers (27.6.2006, CFR).

Es besteht noch Bedarf an der Schulung für Mitglieder der Afghan National Security Forces (ANSF). Die Geldmittel für diesen Bereich wurden – so der Bericht – ursprünglich zu niedrig angesetzt. (GAO, S 4 f).

Ein Fachmann aus Johannesburg, der Insider Greg Mills, weist in seiner Analyse darauf hin, dass Wirtschaftshilfe besonders wichtig ist. Man sollte seiner Meinung nach auch die Macht von „Soft Power“ nicht ignorieren.

The death of one insurgent creates many more in societies where blood ties and nationalist zeal are stronger than ideology. This demands understanding what security means for local communities, which relates directly to the manner in which soft power is employed. (April 2007, CFR)

Einer der herausragendsten Kandidaten im nächsten Präsidentschaftswahlkampf, der Demokrat Obama Barak, könnte es sich sehr wohl vorstellen, dass er Truppen aus dem Irak abzieht, um jene in Afghanistan zu verstärken (14.7.2007, Obama 08).

Senator John Kerry, jener Präsidentschaftskandidat, der sich im Jahr 2004 geschlagen geben musste, schlug folgendes vor:

We need a new policy – the one the president promised when we went into Afghanistan in the first place. Where NATO allies have pledged troops and assistance to Afghanistan, they must follow through. But the United States must lead by example by sending in at least five thousand additional American troops. More elite Special Forces troops, the best counter-insurgency units in the world; more civil affairs forces; and more experienced intelligence units. More predator drones to find the enemy, more helicopters to allow rapid deployments to confront them, and more heavy combat equipment to make sure we can crush the terrorists. And more reconstruction money so that the elected government in Kabul, helped by the United States, not the Taliban helped by al Qaeda, rebuilds the new Afghanistan (14.9.2006, JohnKerry.com).

Trotzdem verkauft die USA gerade jetzt erst wieder Waffen an Saudi Arabien (27.7.2007, Welt.de). Mittlerweile dürfte aber bekannt sein, dass zwischen den Taliban und Saudi Arabien bereits seit Jahrzehnten Verbindungen bestehen.

In Deutschland kann niemand zum Dienst mit der Waffe gezwungen werden. Außer zur Verteidigung dürfen Streitkräfte nur eingesetzt werden, soweit es das Grundgesetz zulässt. Es finden sich, wenn man sucht, bestimmt Mittel und Wege, um Mitglieder des Bundesheers in Afghanistan als Übersetzer, Techniker, Ärzte oder auch im Schulungsbereich einzusetzen.

Außerdem befindet sich in Deutschland ohnehin ein großer US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein. Von Ramstein aus wurden auch Einsätze für den umstrittenen Irakkrieg geflogen. Auch in Spangdahlen existiert ein solcher Stützpunkt. An beiden sind deutsche Soldaten im Einsatz. Vom friesischen Hafen Emden aus konnten Britannien seine Truppen verschiffen (17.3.2006, IMI).

Hingewiesen an dieser Stelle sei noch auf die Interviews und Veröffentlichungen des angesehenen Nahost-Experten Peter Scholl Latour. Peter Scholl-Latour akzeptiert, dass in der Folge von 9/11 der Einsatz in Afghanistan nicht vermieden werden konnte.

Der langfristige Einsatz in diesem Land widerspricht aus seiner Sicht vernünftigen Überlegungen und der Krieg insgesamt ist seiner Meinung nach nicht zu gewinnen (28.11.2002, Universität Marburg). Er geht sogar davon aus, dass dadurch, dass sich die ISAF der NATO unterstellt hat bzw.von einem amerikanischen NATO-General geleitet wird, diese Organisation für die Afghanen nicht ausreichend sichtbar von der OEF abgegrenzt ist. Er bezeichnet die Position des Bundesheeres als unsinnig und ihre Stellung als gefährlich (23.5.2007, ZDF.de).

Afghanistan verdient in jeder Beziehung die Bezeichnung „Fass ohne Boden“. Es fehlen sicherlich noch Mittel für den Wiederaufbau, für die Errichtung von Schulen, Krankenhäusern und Verwaltungsgebäuden. Verletzte müssten betreut und Kranke gepflegt werden. Die Anzahl der Aidskranken in Afghanistan nimmt stark zu. Wenn also Deutschland seinen Verpflichtungen im Rahmen der NATO nachkommen möchte, bleibt in diesem Bereich noch jede Menge Spielraum nach oben.

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