Islamobolschewismus II

August 6, 2007 um 8:58 pm | Veröffentlicht in Anachronismen, Middle East, Publikationen, Skandale | Hinterlasse einen Kommentar

Als ich versuchte, etwas über die Herkunft des Begriffes Islamobolschewismus herauszufinden, stieß ich auf einen Artikel des deutsch-israelischen Schriftstellers Chaim Noll mit der Überschrift „Aura der Angst„. Darin versucht er, zwischen dem Islam und dem Marxismus bzw. Bolschwismus Parallelen zu ziehen.

Dabei beruft er ausdrücklich, sich auf den bekannten Philosophen und Mathematikers Bertrand Russell (Wiki). Bertrand Russel, das sollte man vielleicht dazusagen, lehnte Religionen grundsätzlich ab. Eines seiner bekannteren Zitate lautet: „Ich betrachte die Religion als Krankheit, als Quelle unnennbaren Elends für die menschliche Rasse.“ Ein anderes Mal beschrieb er ausdrücklich, weswegen er kein Christ ist (Warum ich kein Christ bin).

Bertrand Russel engagierte sich als Pazifist und setzte sich auch für Frauenrechte ein. Als Kriegsdienstverweigerer kam er sogar einmal ins Gefängnis. Zusammen mit Jean Paul Sartre initiierte er das Vietnam-Tribunal gegen die USA und setzte sich bei der Bewältigung der Kuba-Krise persönlich ein, indem er Briefe an Chruschtwow schrieb.

Abgesehen davon, dass jemandem wie Bertrand Russell durch dessen Qualifikationen, durch seine Werke und durch seinen persönlichen Einsatz ohnehin eine Sonderstellung eingeräumt werden muss, bezweifelt ohnehin niemand, dass besonders in der Frühzeit des Islam dem Koran eine besonders große Bedeutung bei der Ausweitung des arabischen Machtbereiches zukam.

Hier einige seiner kritischen Bemerkungen über den Islam:

Bolshevism combines the characteristics of the French Revolution with those of the rise of Islam“… „Marx has taught that Communism is fatally predestined to come about; this produces a state of mind not unlike that of the early successors of Mahommet.“…Mahommedanism and Bolshevism are practical, social, unspiritual, concerned to win the empire of this world … What Mahommedanism did for the Arabs, Bolshevism may do for the Russians.(<Irainc.com).

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In seinem Buch Theory and Practice of Bolshewism schreibt er sogar:

„Mohamedanismus und Bolschewismus sind praktisch auf das Gesellschaftliche orientiert, nicht auf das Spirituelle, und ganz damit beschäftigt, das Reich dieser Welt zu gewinnen.“

Berücksichtigen muss man bei der Beurteilung seiner harten Worte aber, dass der bereits 1872 in Wales geborene Bertrand Russell den Zerfall des großen ottomanischen Reiches erlebte. Man erinnert sich daran, dass die Türkei im ersten Weltkrieg auf der Seite der Mittelmächte, also gegen die Engländer gekämpft hat. Deutschland baute damals zusammen mit der Türkei die Bagdadbahn. Als günstige Bauarbeiter herangezogen wurden damals die Armenier.(Bagdadbahn).

Die harten Worte, die Bertrand Russell damals sprach, stammen aus dem Jahr 1920. 4 Jahre danach schaffte der große Reformer Kemal Atatürk offiziell das Kalifat ab. (Wiki).

Im Jahr 1920 wurde Russland noch von einer provisorischen Regierung geleitet. Die UDSSR wurde erst 1922 als sozialistischer Staat ausgerufen. Obwohl die Kommunisten während der Oktoberrevolution und des Bürgerkrieges in Russland bereits ein aggressives Gesicht zeigten, ahnte zum damaligen Zeitpunkt noch niemand, zu welchen Gräueltaten die Kommunistischen Regime eines Tages fähig sein würden. Die extrem negative Bedeutung des Begriffes „Bolschewismus“ entstand also erst später. Zu trauriger Berühmtheit erreichte in diesem Zusammenhang der von den Nationalsozialisten verwendete Begriff „Jüdischer Bolschewismus“ (Wiki).

Zu den finsteren Seiten der kommunistischen Regierungen in der UDSSR gehörte, dass Gläubige in großem Ausmaß verfolgt wurden. Man weiß, dass viele Christen verhaftet, verschleppt und getötet wurden. Weniger bekannt ist, dass auch Juden und Moslems dafür büßen mussten, wenn sie zu ihrem Glauben standen. Die Macht der Sowjetunion ging erst 1991 zu Ende.

Im Afghanistankrieg (1979-1989) konnten die Taliban die Rote Armee besiegten. Abgesehen von einer empfindlichen Schlappe in den Augen der Öffentlichkeit erlitt die Sowjetunion einen großen wirtschaftlichen Schaden, der zum Fall des Eisernen Vorhanges beitrug. Man erinnert sich, am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Der afghanischen Bevölkerung allerdings fügte der Krieg großes Leid zu.

Auf diesem geschichtlichen und theoretischen Hintergrund, den ich hier ein wenig herausgearbeitet habe, möchte ich jetzt auf die Schlussfolgerungen des Chaim Noll näher eingehen. Chaim Noll gibt als Unterschied zwischen Islam und Marxismus an, dass letzterer im Gegensatz zum Islam atheistisch ist und dass die Frauen im Kommunismus eine höhere Stellung als im Islam einnimmt.

Chaim Noll schreibt beiden Bewegungen, sowohl dem Islam, als auch dem Bolschewismus, einen globalen Machtanspruch zu. Dies ist, was den Islam betrifft, nur bedingt richtig. Mohammed selbst riet seinen Anhängern knapp vor seinen Tod, doch nach Norden zu ziehen, um fruchtbares Land zu finden, dorthin also, wo damals das oströmische gegen das persische Reich kämpfte. Neben dem Wunsch, die neue Religion auszubreiten und dabei zusätzliche Ländern zu erobern, spielten individuelle Interessen und Pläne einzelner Anhänger der damaligen Zeit ebenfalls eine große Rolle. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war die tief empfundene Religiosität, die zunächst die Ausbreitung des Islams begleitet hatte, schon längst abgelöst von einer wesentlich pragmatischeren Haltung.

Zur Zeit nutzen im Nahen und Mittleren Osten verschiedene politische Kräfte die Wiedererweckung religiöser Gedanken. Die Israeli besannen sich auf das Alte Testament, welches ihnen das „Gelobte Land“ zuschreibt. Saudi Arabien entdeckte Mekka als Machtzentrum und schuf sich aus den Lehren des Muhammad ibn Abd al-Wahhab eine eigene Staatsdoktrin, die in erster Linie dazu diente, den islamischen Machtbereich schützen. Last not Least vertritt der Westen unter dem Titel, die dortigen Länder zu „demokratisieren“, ebenfalls massiv seine Interessen.

Der Iran nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als die dortige Mullah-Regierung in diesem Land einen „Gottesstaat“, dessen Rechtsprechung auf dem Koran beruht, implementiert hat. Viele andere islamische Länder wie etwa Marokko bemühen sich schon längst um eine vergleichsweise moderate Rechtssprechung. Die Einführung von „Frauenrechten“ in solchen Ländern scheitert in der Praxis eher daran, dass zu wenig Schulen und Arbeitsplätze für Frauen bzw. Kinderbetreuungsstätten vorhanden sind.

Es ist nicht richtig, dass eine islamische Gesellschaft eine Art Kollektiv bildet. Der Vervollkommnung des Einzelnen durch Gebet, Studium und gute Taten wird ebenso wie der Gründung einer Familie sehr große Bedeutung zugemessen. Auch, wenn man davon ausgehen kann, dass es ein übergeordnetes Zugehörigkeitsgefühl gibt, entsteht zum Teil in den islamischen Ländern sehr starker Nationalismus bzw. der Einfluss großer und mächtiger Familienclans.

Es ist nicht wahr, dass die Moslems, die Welt, so wie sie ist, ablehnen. Im Gegenteil, verglichen mit der lebensfeindlichen römisch-katholischen Kirche empfinden es die Moslems als unnatürlich, wenn jemand ledig bleibt und genießen abgesehen von Alkohol, Rauschgift und Glückspiel gerne die Annehmlichkeiten des Lebens. Obwohl soziale Verpflichtungen bestehen, ist Eigentumsbildung nicht verboten.

Noam Chaim vergleicht die Verwendung des Wortes „Frieden“ durch islamische Politiker mit jener der sowjetischen. Er übersieht dabei, dass sich nahezu jede Regierung versucht, mit dem Wort Frieden zu schmücken. Obwohl von einem Moslem je nach Landesgesetz die Einhaltung islamischer Lehren und Gesetze verlangt werden, besteht kaum jene hündische Unterwerfung unter Führungspersönlichkeiten wie manchmal vermutet. Eine solche Haltung entsprach niemals dem Wesen der freiheitsliebenden Beduinen. Selbst, wenn manche Machthaber im islamischen Ländern versuchen, einen Personenkult zu initiieren, machen sie sich damit eher lächerlich, als dass sich ihre Gefolgschaft steigert.

Chaim Noll sieht die Auseinandersetzung der Moslems als eine Art Klassenkampf. Das ist wenigstens nicht ganz falsch, denn durch die massive Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen des Westens im islamischen Raum entsteht Widerstand gegen die neoliberale Wirtschaftspolitik, die im Zug der Globalisierung auf Marktöffnung drängt und damit der Ausbeutung von Drittländern Türen und Tore öffnet. Aber der Widerstand gegen diese Vorgangsweise formiert sich in Südamerika genauso. Je nach dem, welche Option sich gerade als günstiger erweist, positionieren sich islamische Politiker gelegentlich durchaus auf der Seite der westlichen Kapitalisten wie zur Zeit etwa Pakistan´s Präsident Musharraf.

Ein bekannter Iran-Experte, Professor Everand Armaian (History) hob auch hervor, dass es Ayatollah Khomeini ein Anliegen war, auch die Mittelklasse anzusprechen.

„Fanatic,“ „dogmatic,“ „fundamentalist“–these are the words most often used in the West to describe the Ayatollah Khomeini. The essays in this book challenge that view, arguing that Khomeini and his Islamic movement should be seen as a form of Third World political populism–a radical but pragmatic middle-class movement that strives to enter, rather than reject, the modern age. Ervand Abrahamian, while critical of Khomeini, asks us to look directly at the Ayatollah’s own works and to understand what they meant to his principal audience–his followers in Iran. Abrahamian analyzes political tracts dating back to 1943, along with Khomeini’s theological writings and his many public statements in the form of speeches, interviews, proclamations and „fatwas“ (judicial decrees).

What emerges, according to Abrahamian, is a militant, sometimes contradictory, political ideology that focuses not on issues of scripture and theology but on the immediate political, social, and economic grievances of workers and the middle class. These essays reveal how the Islamic Republic has systematically manipulated history through televised „recantations,“ newspapers, school textbooks, and even postage stamps. All are designed to bolster the clergy’s reputation as champions of the downtrodden and as defenders against foreign powers. Abrahamian also discusses the paranoia that permeates the political spectrum in Iran, contending that such deep distrust is symptomatic of populist regimes everywhere (Buch.de)

Die von Chaim Noll geäußerte Ansicht, dass der Islam pauschal andere Menschen in Gläubige und Ungläubige unterscheidet, kann man dagegen nicht als korrekt bezeichnen.. Manche Glaubensgemeinschaften, wie die Juden, Christen und Anhänger des Zoroaster genießen als „Leute des Buches“ einen höheren Status in islamischen Ländern, manche werden überhaupt abgelehnt, so wie die Bahai. Dann kennt der Islam noch die Ungläubigen, die keiner oder einer exotischen Glaubensgemeinschaft angehören. Diese Grenzen verschwimmen oft, werden unterschiedlich ausgelegt oder auch manchmal überhaupt ignoriert.

Am Schluss seiner Arbeit zitiert Chaim Noll den Islamkritiker Daniel Pipes: „Islamismus ist der dritte Totalitarismus. Er wurde in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren und von Kommunismus und Faschismus inspiriert“. Der militante Islamismus geht tatsächlich auf einige radikale Persönlichkeiten zurück, deren Lehren relevant vom ursprünglichen Islam abwichen wie eben jene des ibn Abd al-Wahhab. Insgesamt also hat sich Chaim Noll mit seinem Versuch, zwischen dem Islam und dem Kommunismus Parallelen zu ziehen, wahrhaft weit verlaufen.

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