Über den Reiz verbotener Bücher

Oktober 30, 2007 um 12:12 pm | Veröffentlicht in Generell, Gesellschaft, Middle East, Publikationen, Skandale, USA, Verständigung, Without Clash | Hinterlasse einen Kommentar

Mit seiner Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie schoss der Begründer der islamischen Revolution im Iran, Ayatollah Ruhollah Khomeini dem Islam ein beachtliches Eigentor. In einer Zeit der Reizüberflutung durch die Medien, in einer Situation, in der Autoren, Journalisten und Hobbyschriftsteller durch Veröffentlichung ihrer Websites, Magazine und Bücher sehr oft vergeblich versuchen, Beachtung zu finden, hätte sich ohne einen zünftigen Skandal rund um sein Werk kaum jemand für Salman Rushies „Satanische Verse“ interessiert.

Doch gerade durch die Aufregung, die das Werk durch die Verurteilung durch die Mullahs erzeugte, wurden der Autor der „Satanischen Verse“ weltbekannt. Eine vergleichbare Entwicklung der Beachtung durch die Öffentlichkeit findet sich vielleicht noch bei der Erfolgsstory des den katholischen Glaubensbereich betreffenden Buches „Sakrileg“ von Dan Brown.

Die Medienberichte betreffend „Sakrileg“ gehen übrigens nicht direkt auf eine Verurteilung des Buches durch den Vatikan zurück, sondern auf den Bericht über eine Konferenz, die der Erzbischof von Genua, Kardinal Tarcisio Bertone abhielt. Während des Vortrages wurde auf einige Schwerpunkte des Romans eingegangen und die Empfehlung ausgesprochen, das Buch weder zu lesen noch zu kaufen (16.3.2005, Radio Vatikan). Dies verhinderte weder den Erfolg des Buches und hielt noch nicht einmal geschäftstüchtige Autoren davon ab, „Anti-Sakrileg-Bücher“ auf den Markt zu bringen (Sakrileg-Betrug).

Ebenfalls werbewirksam hielt sich das Gerücht, die nette Jugendbuchserie „Harry Potter“ von Joanne Kathleen Rowling wäre auf dem Index des Vatikans gelandet. Diese Geschichte bezieht sich auf zwei kurze Briefe, die der jetzige Papst Benedikt IV, damals noch Kardinal Ratzinger im Amt als Präfekt der Glaubenskongregation, an die Potter-Kritikerin Gabriele Kuby (Gabriele Kuby, Harry Potter – gut oder Böse, fe-medienverlag Kisslegg) geschrieben hatte (14.7.2005, Radio Vatikan). Die Originaltexte dieses Briefwechsels können auf der Homepage von Gabriele Kuby eingesehen werden (Gabriele Kuby).

Der Konsultor des Päpstlichen Kultur-Rates, Peter Fleetwood untersuchte das Phänomen Harry Potter dann nochmals und beurteilte es positiv. Der Vatikan veröffentlichte am 20.5.2007 eine Entwarnung (20.7.2005, Radio Vatikan). Gabriele Kuby legte daraufhin Widerspruch ein. Die Diskussion, deren Inhalt vom Erhabenen bei weitem ins Lächerliche kippt, dürfte noch nicht ganz beendet sein (Kath.net). Die Anzahl der Vorbestellungen des siebenten Bandes der Harry Potter-Reihe, „Harry Potter and the Deathly Hollows“ erreicht trotzdem schwindelnde Höhen (Pressetext).

Die unterschwelligen Animositäten der Kirche gegen alles „Magische“ könnten weit eher als durch die Bücher der englischen Autorin durch den unglücklichen Umstand bedingt sein, dass im Kongo immer wieder Familien ernsthaft glauben, ihre Kinder wären verhext. Solche Kinder werden ausgestoßen, von Scharlatanen „behandelt“ und landen letztendlich ausgebeutet und kriminell geworden in großer Anzahl auf Kinshasas Straßen (14.7.2005, Radio Vatikan).

Was Salman Rushdie betrifft, könnten die Mullahs seine Verse, die die Grundfesten des islamischen Glaubens angreifen, nicht mehr zum Verschwinden bringen, selbst dann nicht, wenn es ihnen gelingen würde, Rushdie zu töten. Sie werden sich damit abfinden müssen, dass sie Salman Rushdie durch ihre irrational aggressive Kritik an seinem umstrittenen Buch fast mehr noch zum Erfolg verholfen haben, als der von ihnen geschmähte Autor selbst durch das Schreiben seiner mittlerweile weltweit bekannten Zeilen. Ohne die Drohungen, die der bekannte Schriftsteller von fundamentalistischer Seite erhalten hat, hinunterspielen zu wollen, taten ihm also die Mullahs fast noch einen Gefallen.

Bild: Salman Rushdie

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Über „Che“

Oktober 14, 2007 um 12:59 pm | Veröffentlicht in Anachronismen, Generell, Gesellschaft, Middle East, Skandale, USA, Verständigung | Hinterlasse einen Kommentar

Kaum eine historische Persönlichkeit löste so heftige Emotionen aus wie die des Argentiniers Ernesto Che Guevara. Von den einen nahezu als Messias, als Erlöser verehrt, dämonisieren ihn seine Gegner so weit, dass sie ihn sogar mit Osama bin Laden, Stalin oder gar A.H. vergleichen.

Während sich die Nähe des „Che“ zu Stalin nicht leugnen lässt und sich sogar ein Vergleich zwischen ihm und einem der islamistischen Top-Terroristen konstruieren lässt, besteht kein Grund für die Annahme, dass „Che“ mit A.H. sympathisiert haben könnte bzw. dass eine Ähnlichkeit zwischen beiden Persönlichkeiten bestand. .

Im Gegensatz zu A.H., der sich feige in seinem Bunker verkroch, gelten sowohl er als auch und etliche andere Islamisten als sehr mutige Kämpfer, die bereit waren bzw. sind, mit ihrem eigenen Leben, für das, woran sie glaubten, gerade zu stehen. Darin besteht vermutlich ein Teil ihrer Ausstrahlungskraft auf unzufriedene Menschen in der ganzen Welt.

Das Gesicht des „Che“ könnte eines der bekanntesten der Welt sein. denn sein Portrait diente als Vorlage für farbenprächtige Bilder des berühmten Künstler Andy Warhol . Sogar in dem Musical „Evita“ von Andrew Lloyd Webber walzt er kurz über die Bühne, obwohl „Che“ in seinem wirklichen Leben mit Evita Peron keinen Kontakt hatte (Siehe auch Posting).

„Che“ hasste Juan Peron. Durch seine Südamerikareise, die er antrat, nachdem er sein Medizinstudium in Buenos Aires begonnen hatte, entging er dem Militärdienst. Vermutlich bemerkte der junge Revolutionär, dass Peron mit dem 3. Reich sympathisierte und nach dem Sieg der Alliierten Nazi-Verbrecher ins Land ließ. A.H. war auch ein Feind Stalins. Obwohl sowohl das amerikanische Volk als auch die damalige Regierung A.H. feindlich gegenüberstand, sympathisierten führende Industrielle wie etwa Henry Ford oder Prescott Bush mit dem dritten Reich. „Che“ war also vermutlich alles andere als ein Sympathisant des A.H..

Was regte den „Che“ überhaupt so auf? Eigentlich erst durch das Fernsehen und durch das Internet dringt langsam, aber sicher die Erkenntnis an die Oberfläche, dass die Politik ebenso wie die Geschäftsgebarung der USA Drittländern gegenüber sehr oft beinhart war. In diesem Sinn störte vielleicht die United Fruit Company, ein riesiger Konzern, der mittlerweile als Chiquita Brands International bekannt ist.

In einem der Länder, in dem diese Firma tätig ist, in Guatemala, wurde die gewählte Regierung von Jacobo Arbenz gestürzt und, ähnlich wie in Chile oder im Iran, durch eine vom CIA gestützte ersetzt (Wiki). Der CIA wurde damals von Allan Welsh Dulles geleitet, dessen Bruder John Foster Dulles damals Außenminister der USA war.

Als Sozialist war „Che“ sicherlich Atheist. Obwohl es in Anbetracht der aktuellen politischen Situation im M.E. Sinn macht, Erkenntnisse der modernen Natur- und Religionswissenschaft vermehrt zu bewerben, kann man „Che“ als Beispiel dafür sehen, dass jemand fanatisch sein kann, auch wenn der Betreffende nicht religiös ist. Das unterscheidet ihn von den Islamisten.

Angemerkt sei an dieser Stelle auch, dass der Anwendung von WMD´s eigentlich der Islam im Weg steht und dass zwischen dieser Religion und dem Kommunismus grundsätzliche Unterschiede betreffend die Beantwortung ethischer und wirtschaftlicher Fragen bestehen.

Obwohl es deshalb schwierig ist, ihn mit dem Fundamentalisten O.b.L. zu vergleichen, fallen einige Parallelen zwischen „Che“ und einem anderen Terroristen, Aiman az-Zawahiri, auf, der ebenso wie „Che“ Arzt ist, viele Reisen unternahm und außerdem ein sehr harter Mann ist, dem freilich der Charme und das Charisma des „Che“ völlig abgehen.

„Che“ ist nicht tot. Es ist richtig, wenn darüber aufgeklärt wird, dass er ein sehr gefährlicher Mensch und absolut kein „Erlöser“ war, sondern jemand, der bereit gewesen wäre, den Dritten Weltkrieg zu beginnen, um seine Vorstellungen durchzusetzen. Sein Märtyrertod überstrahlt die Fehler, die er machte. Genauso wenig, wie der Mord an ihm den Mythos rund um seine Person zerstören konnte, könnte der Tod von O.b.L. und Zawahiri „worst case“ dazu beitragen, das Verhalten solch gefährlicher Einzelgänger zu idealisieren.

Abgesehen davon ändert es nichts daran, dass die Proteste gegen die USA des „Che“ bei näherer Betrachtung durchaus einen bemerkenswerten Hintergrund hatten, wenn auch die Methoden, mit denen dieser kompromisslose Revolutionär vorging, bzw. vorgehen wollte, vollkommen falsch waren.

Diskussionen um die Person des „Che“ ordnen denjenigen, der sie führt, sehr schnell als „Links“ oder „Rechts“ ein. Das ist schade, denn vielleicht hätte es Sinn gemacht, den historischen und wirtschaftlichen Hintergrund der Ländern, die er bereiste, genau zu erforschen, um zukünftige Konflikte wie den jetzigen im M.E. besser einschätzen zu können.

Bilder: Che Guevara

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