Gedanken zu Allerseelen

November 1, 2007 um 4:14 pm | Veröffentlicht in Anachronismen, Generell, Publikationen, USA, Verständigung, Without Clash, World War IV | Hinterlasse einen Kommentar

Morgen ist der 2. November, Allerseelen. Die Tage werden immer dunkler, in der Früh liegen dicke Nebelschwaden über den Feldern. Es ist an der Zeit – an die Toten zu denken, an jene Menschen, die wir einmal gekannt haben und die jetzt nicht mehr sind. Doch sollte der Tag auch genutzt werden, um jener zu gedenken, die im Irakkrieg gefallen sind. Ihre Anzahl beträgt nach zuverlässigen Quellen mittlerweile mehr als eine Million (September 2007, Opinion Business Research). Der Musiker und Liedermacher Hannes Wader schrieb im Jahr 1980 ein schönes und trauriges Lied:


ES IST AN DER ZEIT
(dt.T.: Hannes Wader)

Weit in der Champagne im Mittsommergrün,
da wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen blühn,
da flüstern die Gräser und wiegen sich leicht
im Wind der sanft über das Gräberfeld streicht.

Auf deinem Kreuz finde ich, toter Soldat,
deinen Namen nicht, nur Ziffern, und jemand hat
die Zahl neunzehnhundertundsechzehn gemalt,
und du warst nicht einmal neunzehn Jahre alt.

REFRAIN:

Ja auch dich haben sie schon genauso belogen,
so wie sie es mit uns heute immer noch tun.
Und du hast ihnen alles gegeben:
deine Kraft, deine Jugend, dein Leben.

Hast du, toter Soldat, mal ein Mädchen geliebt? Sicher nicht, denn nur dort, wo es Frieden gibt, können Zärtlichkeit und Vertrauen gedeihn. Warst Soldat, um zu sterben, nicht, um jung zu sein.

Vielleicht dachtest du dir, ich falle schon bald, nehme mir mein Vergnügen wie es kommt mit Gewalt. Dazu warst du entschlossen, hast dich aber dann
vor dir selber geschämt und es doch nie getan.

Es blieb nur das Kreuz als die einzige Spur von deinem Leben. Doch hör meinen Schwur für den Frieden zu kämpfen und wachsam zu sein. Fällt die Menschheit noch einmal auf Lügen herein,

dann kann es geschehn, da bald niemand mehr lebt, niemand, der die Milliarden von Toten begräbt. Doch es finden sich mehr und mehr Menschen bereit,
diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.



Als der Komponist Hannes Wader den Text zu seinem Lied schrieb, hatte er das Bild eines Soldatenfriedhofes vor seinen inneren Augen. Es sah vielleicht aussah jenes, auf dem einem jungen Mädchen abgebildet ist, dem, während es sich vor einer Grabstelle hingekauert hat, Entsetzen und Unverständnis über das Ausmaß dieses Friedhofs, über die Anzahl der aneinandergereihten Kreuze, regelrecht ins Gesicht geschrieben stehen.

Jedes der zahlreichen Kreuze könnte eine eigene Geschichte erzählen über denjenigen, zu dessen Erinnerung es erstellt wurde. Vielleicht hatte der Soldat, der dort liegt, braune Haare, dunkle, übermütige Augen und aß genauso gerne Pizza wie Luciano Pavarotti. Oder er war blond, mit blauäugig und sportelte gerne. Die Grabstellen verraten außer einem Datum, an dem der Soldat gefallen sein soll, nichts über die Toten.

Wie hätte sich das Leben des Toten weiterentwickeln können, wäre er nicht gefallen? Sein ursprüngliches Berufsziel war vielleicht Arzt. Oder auch Künstler. Man wird es niemals erfahren.

Bestimmt hatte der Soldat eine Freundin. Blieb er ihr treu? Hat er ihr geschrieben? Vielleicht auch hat sie sich, während er im Feld war, anderweitig verlobt. Sehr wahrscheinlich hatte er aber überhaupt keine Zeit, um sein Mädchen kennen zu lernen. Unwahrscheinlich ist´s nicht, dass er niemals die Gelegenheit hatte, in einer Beziehung auch nur fünf Minuten glücklich zu werden.

Geborgen in der Sicherheit demokratischer Staatswesen, kann jeder leicht lästern über das, was der eine oder andere im Krieg wirklich – oder auch angeblich – an Bösem getan hat. Wenn aber jemand durch den Einberufungsbefehl willkürlich in eine andere Welt versetzt wird, in der er töten muss, um nicht selbst getötet zu werden, dann setzt die Situation oft die Wertvorstellungen außer Kraft, nach denen der Betreffende bisher gelebt hat.

Hinterher sieht alles ganz anders aus. Nach dem Krieg existieren die Ideale, für die zunächst gekämpft wurde, oft gar nicht mehr. Sie fallen zusammen. So, wie gestapelte Kartenhäuser. Die Donaumonarchie existierte nach dem ersten Weltkrieg nicht mehr, der deutsche Kaiser, William II, dankte ab. Schlechte Zeiten für Patrioten!

Damit entsteht die Frage, wie weit den Aussagen der damaligen Politiker, die zum Krieg aufgerufen hatten, überhaupt Glauben zu schenken war. Um es ganz kurz zu machen – vollkommen ehrlich war keiner. Während es die jeweiligen Führungsspitzen mit wenigen Ausnahmen schafften, zwar nicht ihre Position, aber ihr Leben ebenso wie ihr Vermögen zu retten, starben hunderttausende Soldaten auf dem Feld oft einen grauenhaften Tod.

Die letzte Ruhestätte des Soldaten ist nicht mit Blumen geschmückt. Es brennt auch keine Kerze, so wie es auf zivilen Friedhöfen der Brauch ist. Wer sollte sich auch um das Grab kümmern? Damals, während der großen Weltkriege, wurden Millionen von Menschen vertrieben. Die Mitlieder der Familie des Toten sind vielleicht genauso umgekommen wie er, nur, ohne dass jemand über deren Verbleib Bescheid weiß.

Was soll man dazu schon sagen? Dem Mädchen auf dem Bild fehlen die Worte, wie vielen anderen. Künstler, so wie Hannes Wader, gelang es, das, was sie empfinden, in Reimen zu fangen. Doch die meisten Gedichte verstauben zwischen den Buchdeckeln und niemand liest sie. Besser ist es, die Verse zu vertonen und über Auftritte oder über Datenträger dem Publikum näher zu bringen.

Jedes Leben ist unersetzlich. Niemand bekommt eine zweite Chance. Ist das Ziel, wofür ein Soldat sein Leben riskiert, wirklich wert, dafür zu kämpfen? Sind die Ideale, die verteidigt werden sollen, wirklich so zeitlos, wie es momentan den Anschein hat? Kann man den Politikern blindlings vertrauen? Fragen über Fragen, die sich eigentlich nicht ändern.

Als Hannes Wader sein Lied „Es wird Zeit“ schrieb, wurde es zu einer regelrechten Hymne der Friedensbewegung. Das ist kein Wunder, denn auch nach den großen Weltkriegen entwickelten sich die Waffensysteme immer weiter. Damals, in der Zeit des kalten Krieges, hatten viele Menschen Angst davor, dass es zu einem Atomkrieg kommen könnte, der die Zivilisation, wie wir sie kennen, ein für allemal auslöscht.

Spricht Hannes Wader nicht damit jenes stillschweigende Versprechen an, dass diejenigen, die den zweiten Weltkrieg überlebten, ihren Kindern und Enkelkindern gaben, sie würden wachsam sein und für den Frieden kämpfen?

Die Gefahr, dass sich im Mittleren Osten ein größerer Krieg anbahnen könnte, besteht nach wie vor. „Es an der Zeit“, für all jene, die keinen großen Krieg im Mittleren Osten wollen, an Politiker und Zeitungen zu schreiben, Petitionen zu unterzeichnen und demonstrativ eine Friedensfahne aus dem Fenster zu hängen.

Die Zeit, um etwas gegen einen möglichen Irankrieg zu unternehmen, läuft ab, d.h. sie ist eigentlich schon vorbei (25.10.2007, Jpost.com, 30.10.2007, CFR.org). Nur US-Außen- ministerin Condoleezza Rice steht noch unbedingt zu einer diplomatischen Lösung (25.10.2007, CFR.org).

Bilder: Hannes Wader, Soldatenfriedhof in der Champagne

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